"Und erlöse uns von allen Üblen" #85 : Der Leibwächter beschließt einen Mord

Verleger Schwarzkoff sitzt unschuldig in Haft. Die Witwe Freypen glaubt der Polizei nicht. Ein Fortsetzungsroman, Teil 85.

von
Illustration: Anna Krauss

Was bisher geschah: Der Mörder hat von der Verhaftung des unschuldigen Verlegers erfahren. Kleopatra hat deshalb ein Problem.

In 100 Teilen bis zur Bundestagswahl 2017 erscheint der Politkrimi "Und erlöse uns von allen Üblen" online als Fortsetzungsroman im Tagesspiegel. Hier Folge 85 vom 8. September.

"Bis morgen früh sitzt Schwarkoff erst einmal", meinte Krucht, "aber dann müssen wir ihn wohl erneut dem Richter vorführen. Sein Anwalt hat bereits Haftbeschwerde eingelegt." Susanne Hornstein zuckte nur mit den Schultern: "Die Haftgründe werden dieselben sein wie heute", antwortete sie.

"Die Haftgründe ja", erwiderte Krucht und blieb dabei ungerührt, "aber der Richter wird ein anderer sein. Einer, den Schwarzkoff gut kennt. Aus seinen Club. Unter uns: Überhaupt habe ich kein gutes Gefühl bei der Geschichte. Wie kommt der Mann auf diese geradezu wahnsinnige Idee, eine Vergewaltigung zu erfinden, also eine strafbare Handlung zuzugeben, einen öffentlichen Skandal zu riskieren, wo er doch damit rechnen musste, dass wir in kürzester Frist alles herausbekommen? Er konnte sich doch vorstellen, dass wir das angebliche Opfer befragen würden. Ich hätte geschworen, dass diese Geschichte von ihm stimmt, ganz einfach deshalb, weil man so etwas gar nicht erfinden kann."

"Und welchen Grund würde es Ihrer Ansicht nach für Andrea Hofwieser geben, uns zu belügen?"

"Eigentlich nur einen einzigen: Sie hat den Mörder doch gesehen. Ich gebe zu, das ist auch nicht sehr überzeugend, denn warum sollte sie den schützen?"

"Weil sie ihn kennt? Weil er sie gerettet hat vor Schwarzkoff vielleicht? Aber sie hat nichts davon, wenn sie lügt. Er schon. Der feine Herr Schwarzkoff war schon einmal in einen Mord verwickelt und ist schon einmal damit durchgekommen, eine Geschichte zu erfinden und stur an dieser Geschichte festzuhalten. Vielleicht versucht er so etwas wieder. Es gibt, da haben Sie recht, allerdings ein paar Ungereimtheiten in Andreas' Erzählungen. Warum zum Beispiel ging sie mit Schwarzkoff so um, als würde sie sich vor ihm ekeln? Obwohl ... er ist ja auch ekelhaft, in jeder Beziehung"«

"Wenn wir den Schützen nicht finden, wird er mit Hilfe seiner Anwälte mit seiner Geschichte durchkommen. Aussage steht dann gegen Aussage. Mehr haben Sie nicht."

Susanne Hornstein registrierte genau, dass er gerade zum ersten Mal nicht mehr wir sagte, als er von den Ermittlungen sprach. Krucht roch wohl ein Scheitern, und scheitern sollte das Bundeskriminalamt, nicht er. "Entschuldigung", unterbrach er ihre nicht sehr freundlichen Gedanken, und wie schon öfter glaubte sie, er könne in ihr lesen, "ich meinte natürlich wir. Mehr haben wir nicht."

 

Zartmann saß noch lange vor der Pinnwand mit den seltsamen Meldungen in seinem Arbeitszimmer und dachte intensiv nach. Er war tatsächlich erleichtert, insofern hatte sich Susanne Hornstein nicht getäuscht. Unschuldig war Schwarzkoff wirklich nicht. Zwar unschuldig im Fall Freypen, aber immerhin schuldig am Tod eines siebzehnjährigen Mädchens. Selbst wenn dieser Mord schon vor vierzig Jahren passiert war. Mord verjährt nicht. Wenigstens sah Zartmann das so. Musste er trotzdem etwas unternehmen? Er wählte die Nummer von Alain.

 

Mulder blieb erstaunlich kühl nach dem Gespräch mit Seifert. Er rief zunächst seine Männer zurück in die Zentrale, dann informierte er Helga Freypen, die in Dresden war, von den neuesten Entwicklungen. Er verzichtete auf jede Form von Höflichkeit, sondern sagte ihr nur grob und mit klammheimlicher Freude, dass ausgerechnet der angeblich beste Freund ihres Mannes gerade als Auftraggeber des Mordes an Freypen verhaftet worden war. Erzählte ihr von dem möglichen Motiv, dem Mord am Bodensee, so wie er es von Schwarzkoffs Butler erfahren hatte. Benutzte allerdings nicht das Wort Erpressung, denn daran glaubte er nicht so recht. Falls Schwarzkoff wirklich von Freypen erpresst worden wäre, dann hätte er das gewusst. Dann hätte ihn sein Chef sicher eingeweiht . Er bezweifelte nicht, dass der Hamburger Verleger von Freypen gebeten worden war, ihn im kommenden Wahlkampf zu unter­tützen, gebeten auf Freypens Art. Dass dessen nachhaltige Bitten als Erpressung hatten missverstanden könne, wollte er allerdings nicht ausschließen. Das hatte er oft genug selbst erlebt. "Den eigentlichen Mörder suchen sie noch, Schwarzkoff hat aber den Auftrag für den Mord erteilt, Frau Freypen", schloss er seinen Bericht.

"Ich glaube kein Wort", antwortete Helga Freypen, und blieb so kalt dabei wie immer, "das ist alles eine politische Verschwörung, um von den wahren Tätern abzulenken. Jens-Peter wäre nie auf die Idee gekommen, meinen Mann umzubringen. Diese Bodenseegeschichte ... wer will denn nach vierzig Jahren noch beurteilen können, was da wirklich passiert ist? Irgendein Mädchen, das ertrunken ist. Na und, was heißt das schon? Badeunfälle gibt es doch immer wieder. Nein, Mulder, verschonen Sie mich mit solchen Ammenmärchen. Wahrscheinlich steckt diese frigide feine Dame dahinter, Jens-Peters Ehefrau Julia, die war schon immer gegen uns. Die wollte ihren Mann schon lange loswerden. Die Polizei spinnt und Sie spinnen auch, wenn Sie das alles glauben. Ich verlange von Ihnen, dass Sie sich was einfallen las­sen. Dann brüllte sie plötzlich: "Hören Sie, Mulder, den Mörder will ich von Ihnen, tot oder lebendig, den Mörder."

Das war der Moment, in dem Karl Mulder die Million abschrieb und beschloss, ihr den Mörder frei Haus zu liefern. Nicht tot oder lebendig, sondern tot statt lebendig. Allerdings nicht ihr, sondern seinem ermordeten Chef zuliebe. Er malte sich seinen Entschluss selbst schön. Es war, so sagte er sich, seine vaterländische Pflicht, Joachim Freypen zu rächen. Was ihm auch logisch schien und gerecht, er schließlich hatte versäumt, schusssicheres Glas einbauen zu lassen. Wie schon vor ihm andere in Berlin benutzte er zunächst eine gute Verbindung in eine ganz bestimme Redaktion und versprach In­formationen für eine Exklusiv-Schlagzeile. Nein, nicht online. Erst Morgen. Gedruckt selbstverständlich.

Der Jurist dieser Zeitung riet dem Chefredakteur wenige Stunden später allerdings dringend davon ab, die übliche Masche zu stricken. Es ging bei diesem Mörder nicht um irgendein armes Schwein, das man fertig machen konnte, weil es eh nicht wusste, wie man sich wehrte. Es ging um Jens-Peter Schwarzkoff, einen Mann mit Einfluss, um einen Verleger zudem. Bekannt auch mit dem eigenen Verleger. Deshalb entstand ein Artikel mit vielen Fragezeichen, soviel Fragezeichen, wie die Zeitung sonst im ganzen Monat verbrauchte:

MORDFALL FREYPEN POLIZEI VERHAFTET HAMBURGER MILLIONÄR BEZAHLTE ER DEN MÖRDER SEINES FREUNDES?

In seiner Villa am Elbstrand wurde gestern der Hamburger Großverleger Jens-Peter Schwarzkoff verhaftet. Die Polizei wirft ihm vor, in den Mordfall Joachim Freypen verwickelt zu sein. Wie berichtet, wurde der Politiker an seinem Schreibtisch erschossen. Hatte Schwarzkoff damit etwas zu tun? Hat er den Mörder seines Freundes bezahlt? War Schwarzkoff vor vierzig Jahren am Bodensee schuld am Tod eines jungen Mädchens? Hat Freypen ihn mit diesem Wissen erpreßt? Welche Rolle spielt die angebliche Schwarzkoff-Geliebte Andrea H.? Hat sie dem Millionär für die Mordnacht ein Alibi verschafft? Besorgte sie den Killer?

Krminalrat Georg Krucht von der Hamburger Mordkommission lehnt mit Verweis auf die Zuständigkeit des Bundeskriminalamtes jeden Kommentar ab, bestätigt noch nicht einmal die Verhaftung. BKA- Kriminaldirektor Susanne Hornstein, die seit dem Attentat die Ermittlungen leitet: "Kein Kommentar."

Julia Schwarzkoff , 55, - Foto links - Gattin des bekannten Hamburger Millionärs und Großverlegers ( Abendpost, Action TV, Adalbert Stifter Verlag): "Mein Mann ist auf einer Geschäftsreise, ich weiß nichts von einem Haftbefehl." Lesen Sie mehr über die mysteriöse Geschichte auf den Seiten 3 und 4.

Mulder freute sich, als er nachts diesen Artikel in der druckfrischen Zeitung las. Besser und das bedeutete in dem Fall schlechter, hätte er es auch nicht schreiben können, und deshalb lobte er sich selbst, von anderen konnte er schließlich kein Lob erwarten. Vor allem der gemeine und kaum verschlüsselte Hinweis auf Andrea Hofwieser gefiel ihm. Zumindest in ihrer Branche würden alle wissen, wer mit der Geliebten Andrea H. gemeint war. Er nahm sich vor, morgen früh für seine Leute ein paar Anweisungen zu hinterlegen, was nach einer gewissen Schamfrist mit der Reporterin geschehen sollte. Seiner Meinung nach war sie zumindest die Komplizin des Verlegers und sie sollte nicht ungeschoren davon kommen. Vielleicht eine Vergewaltigung und anschließend in den großen trägen Fluss? Mulder selbst wollte sich nur um den Verleger kümmern und ging davon aus, dass er sich zu stellen hatte nach der Tat. Wie es sich für einen aufrechten Deutschen von selbst verstand, aber so ehrenvoll war das auch wieder nicht, denn eine Alternative wie zum Beispiel Flucht war deshalb ausgeschlossen, weil keine Chance auf Flucht bestehen würde.

Und morgen lesen Sie: Die Mordwaffe kommt ans Tageslicht. Verleger Schwarzkoff hat einen Auftritt.

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