"Und erlöse uns von allen Üblen" #87 : Der tote Verleger bringt Quote

Der Mord am rechtsnationalen Parteichef gilt als Abrechnung unter alten Freunden. Die Wahrheit bleibt verborgen. Ein Fortsetzungsroman, Teil 87.

von
Illustration: Anna Krauss

Was bisher geschah: Der Leibwächter des ermordeten Rechtsnationalen Freypen tötet vor laufenden TV-Kameras den Verleger Schwarzkoff. Denn er hält ihn für den Auftraggeber beim Mord an seinem Dienstherrn.

In 100 Teilen bis zur Bundestagswahl 2017 erscheint der Politkrimi "Und erlöse uns von allen Üblen" online als Fortsetzungsroman im Tagesspiegel. Hier Folge 87 vom 10. September.

Der alte Mann ging behutsam, als wollte er die Ruhe der vielen Toten nicht stören. Er hatte einen weiten Weg vor sich, denn in die hinterste Ecke des Friedhofes verirrte sich schon seit vielen Jahren niemand mehr. Auch die Hinterbliebenen der dort Begrabenen waren längst tot. Immer wieder stützte er sich auf einen schweren Eichenstock. Seine linke Hand umklammerte einen Strauß mit Astern. Die Namen auf den verwitterten Steinen konnte er selbst aus der Nähe kaum noch lesen, aber er kannte sein Ziel . An einem Grab schließlich blieb er stehen und benutzte die Spitze seines Stocks, um das Moos von der zugewachsenen Granittafel zu kratzen. Über den Datumszeilen 6.9.1957 - 29. 8.1974 tauchte schließlich wie aus ferner Vergangenheit SUSANNE auf. Mehr nicht. Kein Nachname, kein Kreuz, keine Ornamente. Martin Gundlach legte die Blumen ab und faltete die Hände. Dann dankte er Gott, dass der trotz seiner an sich unendlichen Güte den Mörder endlich bestraft hatte.

 

"Heißt das, wir haben aus dieser Ecke keine Enthüllungen mehr zu fürchten?", wurde der Innenminister von einem seiner Parteifreunde gefragt, der bei der morgendlichen Runde in Bonn neben ihm saß, und wies dabei auf das Zeitungsfoto, das den zusammenbrechenden Schwarzkoff in dem Moment zeigte, als ihn Mulders Schüsse getroffen hatten.

"Aus dieser Ecke?"

"Aus dieser Ecke, ja. Ich denke da an diesen Artikel, wer wohl hinter dem Mord stecke an Freypen und wer wohl ein Interesse daran haben könne, dass der im kommenden Wahlkampf keine Rolle mehr spielt. Das klang doch sehr danach, als gebe es einen ganz be­stimmten Verdacht."

"Den letzten Ermittlungsstand kenne ich noch nicht, weil mir die zuständige Beamtin erst heute Abend den Abschlussbericht vorlegen wird. Aber so wie es aussieht, hatte Schwarzkoff einen dunklen Fleck in seiner Vergangenheit, von dem wiederum sein Schulfreund Freypen wußte. Was der im passenden Moment ausgenutzt und ihn mit seinem Wissen unter Druck gesetzt hat. Insofern war das zwar kriminell, aber doch eine politische Angelegenheit, also unsere Interessen berührend. Denn wie ich höre, wollte Freypen für sein Schweigen über die Vergangenheit Schwarzkoffs publizistische Unterstützung seiner Partei. Die stehen jetzt schon gut da durch die Stimmungsmache gegen Flüchtlinge und die Hetzreden dieser Pegida-Typen", wobei er bei der Erwähnung von Pegida auf den Wirtschaftsminister vom Koalitionspartner schaute, "mit denen zu reden ja manche hier am Tisch für geboten hielten."

"Schwarzkoff hat Freypen angeblich umbringen lassen, so die Begründung des Haftbefehls, weil er einen Skandal fürchtete. In jeder Beziehung: Entweder wäre er persönlich aufgeflogen oder aber gesellschaftlich abgestürzt, weil er plötzlich Partei für die Rechten ergriffen hätte", sagt ein anderer aus der Runde. "Als er auf Kaution freigelassen wurde, ist gestern dieser Freypen-Vertraute durchgedreht und hat den Mann erschossen, den er für den Mörder seines Chefs hielt. Aber das hat ja wohl jeder hier am Tisch in den Nachrichten gesehen."

"So viel weiß ich bereits aus dem Fernsehen und Bild.de. Ich meinte, haben wir noch etwas zu befürchten?"

"Wir haben damit nichts zu tun, also müssen wir auch nichts befürchten", erklärte der Innenminister förmlich, und auch er betonte das Wort wir, denn er hasste diese doppeldeutigen Anspielungen, die so klangen, als würde er sich am liebsten in der Grauzone zwischen Recht und Staatsraison herumtreiben und dabei vor allem die Staatsraison beachten: "Habt ihr vielleicht was damit zu tun?" Seit der NSU-Affäre verfolgte er in angewiderter Distanz die Aktivitäten des Geheimdienstes, für den der Kanzleramtsminister zuständig war. Jede Bitte um Amtshilfe von denen, hatte er seine Untergebenen angewiesen, müsste ganz oben im Ministerium entschieden werden. Von ihm persönlich.

 

Das blutige Ende der Affäre Freypen beherrschte sogar die Schlagzeilen der bürgerlichen Zeitungen. An  Tagen wie diesem brach bei der taz wie einst in den 1990erJahren ihr anarchistischer Wortspieltrieb wieder durch. FREY-SCHÜTZ wurde Karl Mulder hier genannt. Noch wusste niemand mehr als das, was schon gestern in dem berühmten Fragezeichen-Artikel der größten deutschen Zeitung gestanden hatte und diese Informationen wiederum stammte pikanterweise vom Täter höchstpersönlich. Was wiederum außer dem Polizeireporter der bewussten Zeitung keiner wusste und dem die zweite Exklusivgeschichte verschaffte, denn keiner kannte Mulder so gut wie er, und da der in Zukunft als Informant wohl ausfallen würde, konnte er ihn ebenso gut auch gleich schlachten. Mulder wurde als schießwütiger, leicht gestörter ehemaliger Polizist geschildert, der seinen Chef hatte rächen wollen, und das fett gedruckte Zitat einer mit schwarzer Blende über den Augen unkenntlich gemachten Dame aus einem St.-Pauli-Etablissement gab dem Ganzen noch die richtige Würze: BEIM SEX SCHRIE DER MÖRDER IMMER MUTTER.

Julia Schwarzkoff hatte den Chefredakteur der Abendpost angewiesen, sich ausschließlich auf die Schilderung des Tathergangs zu beschränken, keinesfalls zum Beispiel auf die Idee zu kommen, indirekt dem Bundeskriminalamt oder gar Susanne Hornstein die Schuld am Tod des Verlegers zu geben, weil die Schwarzkoff verhaften ließ. Zunächst hatte er protestiert, denn er sah die einmalige Chance, auf die Schnelle mit exklusivem Wissen und exklusiven Privatfotos ein Auflage zu machen, bevor die, wie er sich ausdrückte - allerdings nicht in Gegenwart der Witwe - nächste Sau online durchs Dorf getrieben würde. Nach einem intensiven Hintergrundgespräch unter vier Augen war er ziemlich bleich in sein Büro zurückgekehrt und hatte die Anweisungen seiner neuen Verlegerin befolgt.

Alle Anfragen mit der Bitte um einen Kommentar zur Ermordung ihres Mannes lehnte Julia Schwarzkoff ab. Ihr Butler Fritz Seifert, der seine neue Rolle sichtlich genoss, durfte den vor der Villa des Toten herumlungernden Journalisten den einzigen Satz von ihr verlesen, den sie freigegeben hatte: "Ich bin überzeugt davon, dass mein Mann nicht der Mörder Joachim Freypens war." Das war nicht gelogen. Sie war schließlich nur überzeugt davon, dass er den Mörder beauftragt und deshalb nicht selbst geschossen hatte. Als ein guter Nachbar bei ihr direkt anrief und sein Beileid ausdrückte, blieb Julia Schwarzkoff bei diesem einen Satz.

Sie konnte damit allerdings nicht verhindern, dass von der Abendpost-Konkurrenz voller Lust die einmalige Chance genutzt wurde, das ganz private Leben des Jens-Peter Schwarzkoff auszubreiten. Analog und digital, online und gedruckt. Alte Rechnungen wurden beglichen, denn zu seinen Lebzeiten hatte der vor allem mit seinem Sender Action TV auch vor keiner Gemeinheit zurückgeschreckt. Ein Dutzend Mal wurde der Golfkurs von Gut Kaden gefilmt, und Loch Neun, wo die Tatwaffe gefunden worden war, stand immer im Mittelpunkt. Es dauerte nur wenige Stunden, bis die ersten Fernsehteams auf dem Friedhof am Bodensee auftauchten und das Grab des Mädchens Susanne filmten. In Schwarzkoffs ehemaliger Schule Salem wurden sie selbstverständlich nicht vorgelassen und Martin Gundlach ließ über seine Schwester aus­richten, dass er keinen Anlass sehe, mit der Presse über Ereignisse zu reden, die vor vierzig Jahren ja auch keinen ihrer Kollegen interessiert hätten. Weil Gundlach schwieg, blieb den angereisten Spürhunden die Verbindung zu Lawerenz verborgen.

Der Live-Mord von Hamburg war ein Quotenbringer, das Prinzip, die Toten bringen Quoten, wieder mal eindrucksvoll bestätigt, und deshalb musste der verblutende Schwarzkoff bis zur letzten Zeitlupe ausgeweidet werden. Auf You Tube war die Mordszene bereits nach zwei Tagen 875.000 Mal angeklickt worden. Die Ermordung des rechtsradikalen Populisten Joachim Freypen brachte keiner der Reporter mehr in Verbindung mit politischen Verschwörungen, die angeblich Berlin ausgeheckt worden waren. Bei allen stand zwar fest, dass Schwarzkoff für das Attentat verantwortlich war, ein von ihm bezahlter Killer die tödlichen Schüsse auf Freypen abgegeben hatte, dass es dabei aber nicht um Politik, sondern nur um eine gemeinsame Leiche im Keller ging. Das Mädchen Susanne.

Die Ermordung des Verlegers und Millionärs Jens-Peter Schwarzkoff samt passendem Hintergrund war eine Geschichte, die man besser gar nicht hätte erfinden können: Ein nie aufgeklärter Mord unter Freunden vor vier­zig Jahren, eine Erpressung in höchsten Gesellschaftskreisen, wieder unter Freunden, ein Auftragsmord und schließlich die Ermordung des Drahtziehers durch einen treuen Va­sallen des ersten Toten. Außerdem jede Menge schöner Frauen, eine schon lange tot, die anderen höchst lebendig. Wahrscheinlich saßen seit heute morgen die branchenintern Schnellficker genannten Drehbuchschreiber bereits an ihren Computern und machten ein sogenanntes Dokudrama daraus, wie man die verfilmten Groschenromane, die angeblich das Leben schrieb, neudeutsch heute nannte.

Und morgen lesen Sie: Chefermittlerin Hornstein muss ihre Zweifel verschweigen.

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