"Und erlöse uns von allen Üblen" #9 : Der Attentäter schlägt zu

Der Parteichef der Nationalen Alternative führt ein Telefonat - es ist sein letztes. Sein Mörder braucht zwei Schüsse. Ein Fortsetzungsroman, Teil 9.

Michael Jürgs
Illustration: Anna Krauss

Was bisher geschah: Der Mörder des Rechtsnationalen Joachim Freypen zählt die Minuten bis zur Tat. Ein Helfer beobachtet derweil die Reporterin Andrea Hofwieser, in deren Wohnung der Attentäter ist.

In 100 Teilen bis zur Bundestagswahl 2017 erscheint der Politkrimi "Und erlöse uns von allen Üblen" online als Fortsetzungsroman im Tagesspiegel. Hier Folge 9 vom 24. Juni.

"Gib mir mal Jens-Peter," sagt er gerade und muss ein wenig die Stimme heben, weil neun Mal die Glocken vom Michel schlagen, und die sind sogar durch die geschlossenen Fenster zu hören . Er hat sich nicht damit aufgehalten, der Frau von Schwarzkoff Guten Tag oder gar seinen Namen zu sagen, die erkennt ihn sowieso und mit ihr zu reden hat er eh keine Lust. Er hört kurz zu: "Dann soll er sich melden, wenn er da ist, er weiß ja, wo er mich erreichen kann," befiehlt er knapp, denn zu befehlen ist er gewohnt, und legt ohne ein weiteres Wort wieder auf. Wippt ein wenig mit dem Schreibtischstuhl, kratzt sich nachdenklich unter dem Kinn und beugt sich dann herunter, um ein offenes Schuhband zu schnüren.

Deshalb verfehlt ihn der erste Schuss und schlägt in die Wand ein, an der eine große Deutschlandfahne aufgespannt ist. Als er sich, verblüfft vom Geräusch splitternden Glases aufrichtet und Richtung Fenster schaut, trifft ihn die zweite Kugel direkt in die Stirn zwischen die Augen.

Freypen ist sofort tot.

Doch kein Panzerglas, stellt der Schütze befriedigt fest und senkt das Gewehr. Sein Handy leuchtet, klingelt aber nicht.
"Ja?"
"Sie hat gerade das Fest verlassen und ist wieder mit diesem Mann da in den Jaguar gestiegen. Soll ich dranbleiben?"
"Nein, alles bleibt wie abgemacht. Ich pack zusammen und verschwinde."
"Hast du ..."
"Hab ich", sagt er und unterbricht die Verbindung.

Er verliert keine Zeit. Schließt das Fenster so wie er es vorgefunden hat, wickelt das Gewehr ins Handtuch und legt alles zurück in die Sporttasche, die an der Wohnungstür steht. Präzise Abläufe, die der Kapuzenmann alle geübt hat. Setzt die Brille wieder auf, die sein Gesicht sofort verändert. Wirft vom Eingang einen letzten Blick in den Raum, geht dann auf den Etagenflur und lässt leise das Schloss hinter sich zuschnappen. Erst jetzt streift er die Plastikhüllen von seinen Schuhen, zerknüllt sie und steckt auch die ein.

Falls sich Andrea Hofwieser doch direkt nach Hause bringen lässt, hat er sogar im schlechtesten Fall noch zehn Minuten, um ihr nicht zu begegnen. Wie er sie aus den Unterlagen kennt und so wie er sie aufgrund seiner Informationen einschätzt, wird sie aber wohl kaum so früh kommen, wahrscheinlich noch in irgendeine Bar. Sie ist außerdem in Begleitung und erfahrungsgemäß ist es deshalb gar nicht mal sicher, ob sie heute Nacht überhaupt hier schläft.

Auch der Mörder hat von ihrem Ruf gehört und den in seine Planungen einbezogen. Aber sie könnte auch auf die Idee gekommen sein, ihren Begleiter in ihre Wohnung mitzunehmen. Flüchtig hat er das Doppelbett vor Augen. Im Fahrstuhl drückt er vorsichtshalber nicht auf Erdgeschoß, sondern auf Garage. Scheint ihm jetzt der bessere Fluchtweg zu sein, besser jedenfalls als durch den erleuchteten Hauseingang zu verschwinden und ihr eventuell sogar zu begegnen.

Den Schwamm, den er aus einem der kleinen Seitenfächer seiner Tasche geholt hat, drückt er sich schnell über der Stirn aus, reckt dafür sein Gesicht nach oben . Prüft das Ergebnis im Spiegel des Lifts: Er sieht wieder verschwitzt aus, und vor allem fremd, und die Kapuze, die er sich über den Kopf zieht, macht ihn erst recht zu einem anderen Menschen. Sein Atem aber geht gleichmäßig ruhig.

Joachim Freypens Kopf liegt auf dem Schreibtisch. Die Unterlage, auf die er während seines letzten Telefongesprächs ein paar Striche gemalt hat, ist voller Blut, das aus der Stirnwunde rinnt. Der Nachtwind, der jetzt kräftig durch die zerschossene Scheibe weht, wirbelt ein paar Blätter hoch. Ankündigungen von Veranstaltungen, die Freypen in den nächsten Wochen für seine Partei machen wollte. Präziser Ablaufplan für die morgige Kundgebung auf der Moorweide. Handschriftlich daneben Sätze von ihm . Alles Makulatur. Im Vorzimmer hat einer der Leibwächter seine Zeitung weggelegt, weil er glaubt ein fremdes Geräusch gehört zu haben, das nicht vom Bildschirm kam. Das rote Licht über der Tür aber leuchtet, und er weiß, dass er dann auf keinen Fall stören darf. Dennoch rutscht er un­ruhig hin und her. Etwas stört ihn.

"Habt ihr nichts gehört?"

Seine Kumpane horchen ein paar Sekunden aufmerksam wie witternde Hunde, dann schüttelt einer den Kopf.

"Nichts, was soll schon sein?", sagt einer und weist auf die kleine rote Lampe .

Der breitschultrige Bodyguard mit dem Stoppelhaarschnitt, höchstens drei-, vierundzwanzig Jahre alt, ist nicht zufrieden. Nach ein paar Minuten erhebt er sich. "Ich geh mal außen rum und schau vorsichtig rein," erklärt er und zieht sich sein Jackett an.

"Verkühl dich mal bloß nicht, Kleiner" sagt sein Gegenüber und die anderen lachen, "und lass dich nicht als Spanner erwischen. Das hat der Chef nämlich gar nicht so gern."

Drei Räume weiter gibt es einen weiteren Zugang zum schmalen Balkon, der wie ein Laufband um das ganze Parkdeck herumführt und von den Leibwächtern deshalb oft zum Joggen benutzt wird. Der Mann öffnet die Tür und zögert sekundenlang, bevor er sich, vorsichtig auf den Zehenspitzen gehend, Richtung Eckzimmer bewegt. Für die vielen Lichter im nahen Hafen hat er kein Auge. Er bleibt dicht gepresst an der Haus­wand, und als er am Vorzimmer Freypens vorbeikommt, sieht er durchs Fenster, dass inzwischen auch die anderen ge­spannt aufrecht am Tisch sitzen, sprungbereit. Langsam, zentimeterweise, biegt er um die Ecke und brüllt sofort: "Alarm!" Dann bleibt er stehen und schaut fassungslos auf den toten Mann am Schreibtisch, während drinnen in dessen Büro die Tür auffliegt und Freypens Leibwächter mit gezückten Revolvern hereinstürmen.

"Scheiße, Scheiße, Scheiße, verdammte Scheiße", stammelt einer immer wieder, bevor ihn der Älteste von ihnen unterbricht und anstößt, "los, ruf die Bullen, los. Und nichts anfassen, hört ihr, bloß nichts anfassen."

Und morgen lesen Sie: Der Verleger wird brutal. Der Mörder hat eine überraschende Begegnung.

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