"Und erlöse uns von allen Üblen" #92 : Der Mörder sorgt sich um die Polizeireporterin

Der Mordfall Freypen ist offiziell abgeschlossen. Doch die Leibwächter des Ermordeten lassen nicht locker. Ein Fortsetzungsroman, Teil 92.

von
Illustration: Anna Krauss

Was bisher geschah: Freypen-Mörder Zartmann gibt seine Stelle bei EUROPOL auf. Ermittlerin Hornstein wird die Nachfolge angeboten.

In 100 Teilen bis zur Bundestagswahl 2017 erscheint der Politkrimi "Und erlöse uns von allen Üblen" online als Fortsetzungsroman im Tagesspiegel. Hier Folge 92 vom 15. September.

Auf dem Weg nach Hamburg machte sich Zartmann vor, dass er nur deshalb Andrea Hofwieser treffen wollte, um sie zu schützen. Hätte er auch am Telefon mit ihr besprechen können, aber nach wie vor erreichte er sie nicht direkt. Retin, der Stratege, hatte die Idee zur Reise gehabt. "Geht mich zwar nichts an", hatte sein Freund ihm erklärt, "aber ich glaube, dass deine neue Freundin", wobei Zartmann nur unwillig abwinkte, "jetzt tatsächlich in Gefahr ist. Diese Dumpfbacken denken verquer. Der angebliche Drahtzieher des Mordes an ihrem geliebten Führer ist tot. Ihr Chef sitzt im Knast und den wird er lange nicht verlassen. Den eigentlichen Mörder Freypens werden sie nicht bekommen, wie du weißt. Sie glauben aber den Scheiß, der in diesem Artikel stand. Dass Schwarzkoff Kontakte in die Unterwelt gehabt hat, wo er sich den Killer besorgte und so weiter. Und weil die das glauben, liegt es auf der Hand, dass sie sich die einzige schnappen, die ihnen das genau sagen kann. Bis sie von ihr das wissen, was sie wissen wollen. Für das Mädchen könnte das tödlich ausgehen. Dann hätten wir in der Tat ein moralisches Problem, denn sie ist wirklich unschuldig im Gegensatz zu allen anderen. Also, pass auf."

Was Retin ihm dann auf ein Stück Papier aufmalte, hatte Zartmann überzeugt.

Dass sein Freund Alain die richtige Vorahnung gehabt hat, merkt Zartmann, als er langsam vom Hotel zum Hochhaus schlendert, indem Andrea Hofwieser wohnt. Den Weg kennt er ja gut.  Er kann sich gerade noch hinter eine Litfaßsäule drücken, bevor ihn die Männer im BMW sehen. Er hat sie sofort erkannt, und auch sie hätten sich sofort an den erinnert, der sie in Den Haag verhörte. Wie immer in Stresssituationen besinnt sich der Kriminaldirektor auf seine Stärken. In der Ruhe liegt die Kraft. Zunächst wählt er auf seinem Handy die Telefonnummer der Reporterin: "Ich weiß, dass du da bist und nicht rangehst. Aber ich weiß von deiner Freundin Susanne Hornstein ..."

"Was weißt du von Susanne Hornstein?", hört er plötzlich Andrea Hofwiesers Stimme.

"Dachte ich mir, dass der Trick funktioniert. Erzähle ich dir nachher. Jetzt geht es nur darum, dass du in deiner Wohnung bleibst. Dass du mich reinlässt, wenn ich klingle. Ich stehe hier unten ganz in deiner Nähe, aber ich muss mir was einfallen lassen, damit mich diese Typen nicht sehen, die dein Haus bewachen. Nein, das ist ganz bestimmt nicht die Polizei und das sind auch nicht ein paar Kollegen von Dir. Das sind Schläger der Sorte Mulder und die kennen mich. Bis gleich."

Eine halbe Stunde später beobachten die drei ehemaligen Leibwächter Freypens eher desinteressiert einen Handwerker im Blaumann mit Werkzeugkasten, Pudelmütze gegen den kalten Wind tief in die Stirn gezogen, schwarze Hornbrille und ein Bein nachziehend, der sich dem Haus nähert. Den Eingang kennt Lionel Zartmann und er hätte nicht gedacht, dass er jemals wieder hier auftauchen würde. Er blickt offensichtlich prüfend auf die Namensschilder, scheint die mit dem zu vergleichen, was er von einem Zettel abliest und drückt dann schließlich auf eine  Klingel. Hören können ihn die Kerle da drüben ja nicht. "Ich bins." Oben klopft er kurz an Andrea Hofwiesers Tür, die daraufhin einen Spalt geöffnet wird. Schnell drückt er dagegen und tritt ein. Sie weicht an die Wand zurück. Er nimmt die Brille ab und die Pudelmütze und grinst: "Ich bin es wirklich, erkennst du mich denn nicht mehr?" Er stellt seinen Werkzeugkasten in den Flur und bleibt dann wartend vor ihr stehen.

Andrea Hofwieser sieht ein wenig müde aus, ihr rotes Haar ist ungekämmt, der graue Pullover hängt fast bis an die Knie ihrer abgeschabten Jeans. Nicht unbedingt der Aufzug, in dem sie einen Liebhaber empfangen würde. Aber dieser seltsame Besucher ist nicht ihr Liebhaber, sondern ein Polizist. Oder doch der Mann aus der Tiefgarage? Wieder steigt ihr der Geruch nach Rasierwasser in die Nase, den sie so gut zu kennen glaubt.

"Willst du nicht erst einmal ins Bad gehen und diesen komischen Anzug wechseln?", fragt sie scheinbar unschuldig und um zu unterstreichen, dass sie ganz andere Hintergedanken hat, streift sie leicht mit ihren Fingerkuppen an seiner Wange, was man allerdings auch als Begrüßung interpretieren könnte. Sie geht einen Schritt zur Seite. Falls er jetzt direkt ohne sie zu fragen, seinen Weg in ihr Badezimmer findet, hätte sie den Beweis. Den Beweis, dass er schon einmal in ihrer Wohnung war. Ohne Einladung. Vor etwa drei Wochen, in jener Nacht, als Freypen starb.

Doch Zartmann fällt nicht darauf herein. Sie kann nicht wissen, dass er sich während auf der Hinreise genau auf eine solche Situation innerlich vorbereitet hat. Bloß keinen Fehler zu machen, der ihr verraten könnte, dass er dieses Appartement bereits kannte. Er hat erwartet, dass sie ihn in Versuchung führen würde. Entweder so wie jetzt oder so wie in Den Haag. "Gern, wenn du mir sagst, wo es ist?", antwortet er deshalb höflich.

Im großen Zimmer, das er damals nachts auf seinem Weg zum Fenster durchquert hat, sitzen sie sich dann am Glastisch gegenüber und Zartmann gibt sich geschäftig, um nicht auf andere Gedanken zu kommen. Fragt nicht nach, warum sie seine vielen Anrufe nicht beantwortet hat. Er will nicht hören, dass sie Wichtigeres vorgehabt hat als mit ihm zu reden.

"Also, warum ich hier bin und dich wieder mal überfalle ..." Sie schaut ihn schweigend an. Hält seinen Blick fest mit ihrem. Aus welchem Grund du hier bist, denkt sie, ist mir egal. Du bist hier. Nimmt sich dann zusammen und schenkt Zartmann eine Tasse Kaffee ein, achtet aber darauf, ihn nicht zu berühren.

"Ja?"

Lionel scheint weit weg zu sein, denn er antwortet nicht. Weit weg heißt andererseits wieder ganz nahe. Auch er kommt zurück: "Diese ganze Freypen-Affäre und die Schüsse auf Schwarzkoff und das Ende der Geschichte haben wir bei EUROPOL natürlich mitbekommen. Ich habe außerdem gerade beim BKA mit Susanne Hornstein gesprochen, auch über Dich. Du hast zwar eindeutig nichts mit der Sache zu tun, außer dem Zufall, dass von diesem Fenster da die Schüsse gefallen sind." Er vermeidet selbst jetzt nicht ihren forschenden Blick und erwidert ihn ganz unschuldig. "Die Schüsse, ja. Aber das stand alles in dieser Zeitung und da könnte jemand auf die Idee kommen, dass du doch mehr vom Mord weißt als bisher bekannt. Diesen ganzen Blödsinn da, du habest deinem Verleger die Kontakte in die Unterwelt besorgt. Für uns ist der Fall abgeschlossen. Aber für die von der anderen Seite ganz sicher nicht, sonst würden die nicht da unten stehen und ausgerechnet das Haus beobachten, in dem du wohnst. Wäre nicht das erste Mal, dass die jemand für immer aus dem Verkehr ziehen." Ihm fällt dabei wieder mal der Mann ein, den sie verhört hatten und wieder laufen ließen und der dann in der Elbe aufgetaucht ist.

"Du machst dir also Sorgen um mich", unterbricht ihn Andrea Hofwieser und dies klingt nicht etwa wie eine Frage oder nach ihrer üblichen Art abwehrend spöttisch. Es hört sich fast erstaunt an, stellt Zartmann irritiert fest, und diese Irritation wächst, als sie hinzufügt: "Es hat sich, glaube ich, noch nie jemand um mich Sorgen gemacht."

"Wahrscheinlich hast du es noch nie jemand erlabt", erwidert er ruhig, "kann das der Grund sein?"

In dem Moment klingelt das Telefon und der Anrufbeantworter schaltet sich automatisch ein. Beide lauschen auf die Stimme von Susanne Hornstein, die sich bei der Journalistin entschuldigt, dass sie ohne Abschied Hamburg verlassen hat und um einen gelegentlichen Rückruf bittet. Es gebe etwas Neues zu erzählen. Andrea Hofwieser blickt fragend Zartmann an. Der ist wieder ganz kühl, als habe ihn das Klingeln nur in einer Situationsanalyse unterbrochen und nicht bei einer möglichen Annäherung der ganz anderen Art. "Sie geht nach Den Haag. Zu EUROPOL. Da wird eine Stelle frei. Wahrscheinlich will sie Dir das erzählen. Sie weiß übrigens nicht, dass ich in Hamburg bin. Und dass ich bei Dir bin. Nicht, dass wir etwas zu verbergen hätten, schließlich bin ich ein wichtiger Informant für dein Buch ... Was ich eigentlich sagen wollte: Du solltest vielleicht für eine gewisse Zeit lang verschwinden, untertauchen. Ist doch egal, wo du schreibst."

"Hast du etwa ein Zimmer frei in Deiner Wohnung?", gibt sie zurück und lacht schnell und ein bisschen nervös, damit es wie ein Scherz wirkt. Zartmann scheint zu zögern, aber nicht etwa deshalb, wie sie sofort wieder vermutet, um eine möglichst freundliche Absage zu formulieren. Er fragt sich nur, wieso er nicht selbst auf diese naheliegende Idee gekommen ist. Gibt sich auch selbst die Antwort: Eben weil die Idee so verführerisch naheliegend war. "Ich fürchte", sagt er dann leise, als müsste er sich zu jedem Wort zwingen, "ich fürchte, dann kommst du nicht zum Schreiben." Beide schweigen einander an, bis sich Lionel ein paarmal räuspert und sich noch einmal rettet, indem er in die Rolle des vorsichtigen Kriminalbeamten schlüpft.

Und morgen lesen Sie: Der Mörder erfindet eine Geschichte, um die Journalistin zu schützen.

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