"Und erlöse uns von allen Üblen" #94 : Ein religiöser Geheimbund kommt ins Spiel

Der Mordfall Freypen bekommt eine frei erfundene Wendung. Der Mörder hadert mit sich selbst. Ein Fortsetzungsroman, Teil 94.

von
Illustration: Anna Krauss

Was bisher geschah: Freypen-Mörder und Ermittler Zartmann beschützt die Polizeireporterin Hofwieser. Zartmann ersinnt eine Plan, die Journalistin aus der Gefahr zu bringen.

In 100 Teilen bis zur Bundestagswahl 2017 erscheint der Politkrimi "Und erlöse uns von allen Üblen" online als Fortsetzungsroman im Tagesspiegel. Hier Folge 94 vom 17. September.

"Sie ist einverstanden", sagt Zartmann, als er in den großen Raum zurückkehrt, und dann überlegt er laut: "Wie nennen wir denn diesen Geheimbund? Müsste etwas zu tun haben mit Islamisten und mit Naher Osten und mit Arabern, warte mal, man könnte Allahs Jünger nehmen. Nicht? Na gut, dann nicht. Dann lassen Sie sich doch selbst was einfallen, Frau Hofwieser, Sie sind doch hier die Journalistin."  Wird plötzlich ernst, das alles ist kein Spiel: "Ich bleibe heute Nacht hier, damit dir nichts passiert. Du brauchst Schutz vor diesen Typen da unten." Andrea Hofwieser schaut ihn spöttisch an: "Vielen Dank, das ist nett von Ihnen, Herr Kriminaldirektor. Wie kann ich das bloß wieder gutmachen an Ihnen?"

Er setzt sich mit dem Rücken zum Fenster, raucht und schaut ihr beim Schreiben zu. Daran könnte man sich gewöhnen, denkt Lionel. Aber die Betonung liegt auf könnte. Auf einmal fällt ihm der richtige Name ein - einen, den damals bei ihrer Wanderung in den Vogesen Peter scherzhaft vorgeschlagen hatte. Für diese Geschichte könnte er passen. "Nenne diesen Geheimbund doch Assassinen, die Assassinen, das passt und klingt auch noch gut."

Die Redaktion stellt knapp eine Stunde später ihren Bericht unter EILMELDUNG online, aber verzichtet auf das Wort Assassinen in der Überschrift, weil ihre Leser mit einem solchen fremden Wort nichts anfangen können, versucht ansonsten aber alles, um das durch die von der Witwe erzwungene Diskretion im Fall ihres erschossenen Verlegers verlorene Terrain wieder zu besetzen:

EXKLUSIV! NEUE SPUREN IM FALL FREYPEN: NEONAZI-CHEF VON RELIGIÖSEM GEHEIMBUND ERMORDET!

Nach neuesten Informationen ist der Führer der rechtsradikalen Partei Nationale Alternative Joachim Freypen von einem islamistischen Geheimbund erschossen worden. Grund: Geschäfte, die Freypens Maschinenfabrik im Nahen Osten mit gewissen Regierungen gemacht hat, die sich in der Allianz gegen die IS-Terroristen  engagieren. Die religiösen Fanatiker nennen sich DIE ASSASSINEN (Die Mörder) und sollen schon seit fast tausend Jahren im Namen des sogenannten Alten vom Berge politisch motivierte Attentate begangen haben.

Die tödlichen Schüsse wurden nicht - wie bisher vermutet - aus dem Appartement der Hamburger Journalistin Andrea H. ( 32) abgegeben, sondern aus einem benachbarten Bürogebäude. Das beweisen Ölspuren, die jetzt erst gefunden wurden und eindeutig von der Tatwaffe stammen, die - wie berichtet - auf einem Golfplatz in der Nähe Hamburgs entdeckt worden war. Die zuständige Kriminaldirektorin im Bundeskriminalamt Susanne Hornstein: "Kein Kommentar". Die abenteuerliche Theorie ,dass der am Montag erschossene Verleger Jens-Peter Schwarzkoff hinter dem Mord an Freypen stecken könne, ist damit geplatzt. Der Chef der Hamburger Mordkommission IV Georg Krucht zur Abendpost: "Wir ermitteln in allen Richtungen."

 

Helga Freypen hatte das alles nachts gelesen und sich bei Julia Schwarzkoff sofort beschwert, weil in der Überschrift unterstellt worden war, dass ihr Mann ein Neonazi gewesen ist. "Ich entschuldige mich hiermit", hatte die nur kühl geantwortet, "dein Mann war natürlich kein Neonazi, sondern ein alter Nazi", und das Gespräch ohne Gruß beendet. Dann ließ sie den Chefredakteur der Abendpost wecken und beglückwünschte ihn zu seinem Scoop.

Auf dringenden Rat ihrer Presseabteilung berief die Chefin der Nationalen noch in dieser Nacht eine Krisensitzung ein. Alles, was die Partei in irgendeinen Zusammenhang mit Nazis brachte, musste offensiv bekämpft werden. Andernfalls könnten sie die kommende Wahl jetzt schon abhaken. Grund für die nächtliche Aktion war aber auch eine unmittelbare Gefahr für Helga Freypen, sie musste sofort und professionell beschützt werden, denn vielleicht steckte tatsächlich ein Geheimbund hinter dem Attentat auf ihren Mann. Solange die Mörder nicht gefasst waren, lag der Verdacht nahe, dass sie die nächste auf deren Todesliste sein würde. Die Männer, die das Hochhaus bewachten, um sich die Reporterin zu schnappen, wurden deshalb abberufen, und ab sofort für ihre neue Rund-um-die-Uhr-Bewachung von Freypens Witwe eingeteilt.

Lionel Zartmann stellte am anderen Morgen fest, wieder in der Verkleidung des Handwerkers, dass der BMW verschwunden war. Die Macht der Presse, dachte er spöttisch, es gab sie also doch.

Eigentlich hätte er jetzt abreisen und sich aus dem Leben von Andrea Hofwieser verabschieden können. Es gab keinen Grund mehr, sie zu beschützen. Zur Sicherheit könnte sie für ein paar Wochen untertauchen, gab bestimmt irgendwo eine Freundin oder einen guten Freund, weil sie sich eh auf ihr Buch zu konzentrieren hatte. Genau das wollte er ihr vorschlagen, alles andere offen lassen. Aber sie kam ihm zuvor.

"Was hältst du von der Idee, wenn ich mich  für ein paar Monate nach Portugal verziehe oder in die Bretagne oder in die Provence, und dort mein Buch zu Ende schreibe? Provence wäre am schönsten, denn dann ist es für dich von Den Haag nicht so weit, falls ich hin und wieder eine ganz besondere Frage habe, die man per Email nicht klären kann."

"Gute Idee. Allerdings werde ich nur noch ein paar Wochen in Den Haag sein. Ich habe meinen Abschied eingereicht und meine Nachfolgerin wird Susanne Hornstein sein. Hatte ich wohl gestern vergessen, dir zu erzählen. Aber die Hornstein kannst du ja auch fragen, wenn es nötig sein sollte"«

Du Idiot, beschimpfte er sich sofort, als er die Enttäuschung in ihrem Gesicht las. Du Vollidiot. Du hast nichts begriffen. Sie hat dir ein wunderbares Angebot gemacht, ausgerechnet dir, und du hast reagiert wie ein spießiger Beamter, der sie schnell loswerden und an die zuständige Stelle weiterreichen möchte. "Ich meine, natürlich kannst du auch mich direkt ..."

"Vergiss es", antwortete sie mit flacher Stimme, "vergiss es ganz einfach. War nur so ein Gedanke. Und nun entschuldige bitte, wenn ich dich ganz unverblümt rauswerfe, aber ich muss schreiben. Noch einmal vielen Dank. Für alles." Sie stand auf und ging zur Tür. "Willst du gar nicht wissen, warum ich EUROPOL verlasse?", fragte Lionel scheinbar beleidigt, aber in Wirklichkeit, um Zeit zu gewinnen.

"Wahrscheinlich heiratest du eine englische Landadlige, passt doch besser zu dir, und die ist reich und du brauchst den Job nicht mehr und so weiter. Was weiß ich."

"Was du weißt?", sagte Zartmann plötzlich wütend, aber wütend eigentlich mehr auf sich selbst, "nichts hast du begriffen, gar nichts. Zumindest ebenso wenig oder ebenso viel wie ich. Schon gut, ich lass dich allein, damit du schreiben kannst und nicht so abgelenkt wirst von den wirklich wichtigen Dingen im Leben, abgelenkt wie in den letzten vierundzwanzig Stunden. So kann man das doch nennen, oder? Eine Ablenkung, mehr nicht. Wenn das so weiterginge, würdest du ja nie fertig mit deinem Bestseller. Wenn der erscheint, kannst du mir vom Verlag ja ein Buch senden lassen, die in Den Haag schicken mir alles nach, und falls du besonders guter Laune bist, sogar eins mit einer Widmung. Ich werde es auch ganz bestimmt lesen."

Bevor sie darauf antworten kann, hat er die Wohnung verlassen.

Und morgen lesen Sie: Der Mörder geht in den Ruhestand.

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