Politik : Und sagte kein einziges Wort

Jürgen Zurheide

Das kleine Kapitel Vergangenheitsbewältigung arbeitet Jürgen Rüttgers direkt zu Beginn seines Vortrages ab. "Von hier aus", rief er den gut 1000 Freunden der CDU im Festspielhaus Recklinghausen schon nach wenigen Minuten zu, "ging damals, in einer für die CDU nicht einfachen Zeit, ein Signal aus". Und dann erinnerte er die versammelten Christdemokraten, die nun weitgehend wieder gekommen sind, daran, dass sie Angela Merkel mit ihrem frenetischen Beifall und ihren ausgelassenen "Angie, Angie"-Rufen an jenem März-Tag per Akklamation zur Vorsitzenden der an der Spendenaffäre leidenden CDU gemacht haben.

So bereitet Rüttgers den Boden für Angela Merkel, noch bevor sie bei dieser Regionalkonferenz auch nur ein Wort gesagt hat. Er beschimpft die SPD als Kanzlerwahlverein, und dabei klatschen die Christdemokraten begeistert: "Wofür wir 16 Jahre gebraucht haben, schafft die SPD in nur drei Jahren". Nach dieser Abteilung Feindbeobachtung nimmt sich Rüttgers die eigenen Reihen und die Debatte um die Kanzlerkandidatur vor: "Ich erwarte, dass das dämliche Gequatsche über den Zeitplan aufhört". Als er dann noch klarstellt, dass die Union bei der Bundestagswahl im September kommenden Jahres sich vor allem um die Wählerschichten in der Mitte, die im Sprachgebrauch von Rüttgers "moderne Mitte" heißt, kümmern muss, weiß ein jeder im Saal, dass Edmund Stoiber nicht gemeint sein kann.

Angela Merkel sitzt während der Rede von Rüttgers ruhig auf ihrem Stuhl, nur hin und wieder lächelt sie, gelegentlich klatscht sie mit weit ausholenden Bewegungen Beifall. Als sie zum Mikrofon eilt, kann sie sich voll auf Gerhard Schröder konzentrieren. Sie gibt dem Kanzler schlechte Noten. "Das war keine Rede, das war eine Ausrede", ruft sie in den Saal und an dieser Stelle klatscht das Parteivolk lautstark. Danach entwirft sie das Bild einer Union, die aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt hat und in der Wirklichkeit des Lebens angekommen ist. Sie lobt ausdrücklich die Beiträge des nordrhein-westfälischen Landesverbandes zur Programmdebatte; zum Beispiel dessen Ideen zur Übernahme der Lohnnebenkosten bei gering qualifizierten Beschäftigten. Schröder hält sie immer wieder sein Versagen in der Arbeitsmarktpolitik vor. "Er hatte versprochen, wenn ich die 3,5 Millionen nicht schaffe, bin ich es nicht wert, dass ich wiedergewählt werde - Recht hat er", fügt sie unter dem Gelächter des Saales hinzu.

Über die Kanzlerkandidatur redet sie nicht, für sie hat das Programm Vorrang: "Wir denken erst zum Schluss an die Personen, die das können". An diesen Stellen klatscht Rüttgers besonders heftig, und als sie nach 50 Minuten endet, gibt er das Signal aufzustehen und der Frau Vorsitzenden geradezu frenetisch zu applaudieren.

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