Politik : Und was mache ich jetzt? Von Axel Hacke

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Das ist auch so eine Frage: Müsste ich die Rechtschreibreform nicht ernster nehmen? Verehrte Damen und Herren, müssten wir nicht alle die Rechtschreibreform ernster nehmen? Gerade stand in der „Süddeutschen Zeitung“ wieder ein Kommentar über die „Dummheit“, ja, die „Dreistigkeit“ der Kultusminister, die „freche, hoffärtige, rücksichtslose Dreistigkeit“, welche sich die Kultusminister bei der Neuregelung der Rechtschreibung herausnähmen – bitte, sind so große Worte, da müsste doch auch ich das alles ernster nehmen, was geschieht. Und wir alle. Es kann nicht sein, dass in manchen Feuilletons die Leute vor sich hin toben, und wir wissen nicht mal genau: warum? Oder es ist uns wurscht. Das kann nicht sein, oder?

Es ist nun aber mal so. Ich kann mich über Orthographie nicht aufregen. Auch über Orthografie nicht. Nicht mal richtig über Ortografie… Na, nun, doch, Ortografie – vielleicht ein bisschen aufregen, was? Und die anderen Fragen, Fluss oder Fluß, Zoorchester oder Zooorchester oder ZooOrchester, nummerieren oder numerieren – so lange (nein: solange) keiner will, dass ich mich „Achsel“ nenne, ist’s mir gleich.

Wo ich mich eher aufregen kann, das ist, wenn die Kommajäger und Sprachwächter (diese, die immer nur mit allergrößten Vokabeln hantieren) so tun, als ginge es ihnen wirklich um Sprache. Sprache, das ist nicht (oder nur ein bisschen und nicht in erster Linie): Schreibweisen. Sondern: Klang, Sound, Farbe. Wenn in einer Zeitung wieder einer zum „Kult-Autor“ oder „Querdenker“ ernannt wird oder uns im Reiseteil „Sonne pur“ verheißen wird – da möchte man sich aufs Blatt erbrechen! Aber ob man fettriefend oder fetttriefend oder Fett triefend schreibt, bitte, das ist was für… Jedenfalls nichts für mich.

Was ich eigentlich sagen wollte: Diese Wurschtigkeit der meisten Leute, die Rechtschreibreform und die manchmal unfassbar unangemessene Debatte darum betreffend – die ist schön. Man kann ohne diese Wurschtigkeit nicht mehr leben. Die meisten Dinge müssen einem egal sein, sonst wird man verrückt. Man kann nicht dauernd auf dem Erregungsniveau unserer Medien existieren, oder man fängt an zu koksen und lebt in vermüllten Wohnungen. Es geht nur anders. Alles brüllt: Stuckrad-Barre hat ein Buch geschrieben. Na und? Vielleicht lese ich es nächstes Jahr. Wie ist die Show von Anke Engelke? Keine Ahnung, habe auch Harald Schmidt nie gesehen, so lange bleibe ich nie auf. Bald ist Fußball-Europameisterschaft? Mal sehen, das Endspiel gucke ich vielleicht an, aber nur, wenn es regnet und Olli Kahn nicht mitspielt. So geht es. Man kann vielleicht nicht mehr mitreden. Aber wer will eigentlich mitreden? (Wenn mir jetzt jemand sagen könnte, welcher Zoo in Deutschland ein Orchester hat? Danke.)

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