Politik : Und was mache ich jetzt? Von Axel Hacke

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George Gissings Buch „Am Ionischen Meer“ ist ein Klassiker der Reiseliteratur. Aber berühmter als das Buch ist ein einziges Wort darin: „Paparazzo“. Das kam so: Gissing reiste Ende des 19. Jahrhunderts auch nach Catanzaro in Kalabrien und quartierte sich in einem kleinen Hotel ein. Dessen Besitzer klagte auf kleinen, in den Zimmern liegenden Zetteln, er habe festgestellt, dass seine Gäste oft nicht im HotelRestaurant dinierten, sondern in anderen Lokalen des Ortes. Dies verletze nicht nur seine, des Hotelbesitzers Gefühle, es schade dem Ruf seines Hauses, und er bitte deshalb, das Essen im Restaurant des Hotels einzunehmen. Gezeichnet: Coriolano Paparazzo.

Der Zufall wollte es, dass Federico Fellini Gissings Buch las, als er „La Dolce Vita“ vorbereitete. Fellini hatte in der Via Veneto, damals Hauptschauplatz römischen Schickeria-Lebens, einen Fotografen namens Tazio Secchiaroli kennen gelernt, der (zusammen mit anderen) begonnen hatte, Prominente nicht dort zu fotografieren, wo sie fotografiert werden wollten. Sondern ihnen auflauerte, wo sie nicht gesehen werden wollten. 1958 lichtete er König Faruk von Ägypten ab, wie er über einen Tisch kletterte, um auf Fotografen loszugehen – das Bild machte Secchiaroli bekannt. Er arbeitete mit Fellini zusammen und kam (gespielt von Walter Santesso) im Film vor – unter einem Namen, der Fellini höllisch gut gefiel: Paparazzo.

So wurden ein kalabresischer Hotelier zum Namenspatron und ein römischer Fotograf zum Urvater einer Berufsgilde, die davon lebt, Prominente jeder Art durch die Welt zu hetzen, mögen sie zu Hause essen oder im Hotel, im Meer baden, im Wald joggen oder im Auto durch Paris rasen. Nicht selten sehen wir dann in Zeitungen ein Foto, auf dem etwas Unscharfes zu sehen ist, bei dem man sich fragt, ob es das Ungeheuer von Loch Ness, ein Elefant im Tanganjika-See oder Gérard Dépardieu in Badehose ist.

Wie immer man das findet: Nach rund fünfzig Jahren ist der Beruf des Paparazzo nun an seine Grenzen gekommen. Einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte zufolge sollen Fotos aus dem Privatleben Prominenter eigentlich nur veröffentlicht werden dürfen, wenn die vorher zugestimmt haben. Was aber machen jetzt die Paparazzi? Diese fähigen Männer, die zwar nicht besonders fotografieren, aber schweres Gerät zu tragen imstande sind, eine Eselsgeduld haben und notfalls dreist sind wie Staubsaugervertreter? Sollen sie Angler werden, Großwildjäger, Zeitschriftenwerber? Offen gesagt: Ich warte auf den Tag, an dem sich ein Kreis schließt. An dem ich in einem kleinen Hotelrestaurant in Italien mit dem Besitzer ins Gespräch komme. Und der Mann sagt: Ach, früher, wissen Sie, früher habe ich was ganz anderes gemacht….

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