Politik : Und was mache ich jetzt? Von Axel Hacke

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In der neuen „Zeit“ lese ich einen schönen, melancholischen Artikel über den Niedergang von Karstadt und den damit verbundenen Verlust eines Stücks alter Bundesrepublik, in der Karstadt zu unser aller Leben gehörte. Mittendrin im Artikel steht, „dass es damals die Verkäuferinnen gab, diese etwas zu stark duftenden Damen mit ihrem großen Altfrauenbusen, auf dem goldene Lesebrillen ruhten“. Ja, so war das. Aber, möchte ich anmerken, es gab auch mich! 1972 jedenfalls gab es bei Karstadt sechs Wochen lang auch mich, einen Sechzehnjährigen mit schulterlangen Haaren, der bei Karstadt in seiner Heimatstadt seinen ersten Ferienjob absolvierte. Und zwar im JeansShop.

Tag für Tag stand ich von neun bis 18 Uhr im Jeans-Shop, trug selbst Jeans, musste mir aber auf Anweisung des Abteilungsleiters eine Krawatte umbinden. Ich war eine lächerliche Erscheinung, vor allem wegen der Krawatte, die ich jeden Morgen dem Kleiderschrank meines Vaters entnahm. Wenn ein Schulfreund vorbeiging, duckte ich mich hinter Jeans-Ständern, damit er mich nicht sah, so lächerlich fühlte ich mich. Aber ich verdiente Geld, und mit dem Geld kaufte ich mir (bei Karstadt natürlich, mit Personalrabatt) einen Plattenspieler namens „Mister Hit“, das war schon weniger lächerlich, um nicht zu sagen: Es war großartig!

Der Jeans-Shop befand sich direkt neben der Abteilung für die anderen Hosen, die mit den Bügelfalten. Dort standen immer zwei der in der „Zeit“ erwähnten Verkäuferinnen. Eines Tages war die eine krank, die andere aber ging mittags wie gewohnt samt Busen und Lesebrille „in die Pause“, „zu Tisch“ – und bat mich, sie zu vertreten. „Aber, aber....“, stammelte ich, doch sie war schon weg. Mein Problem: Ich kannte mich nicht mit den Größen aus. Bis heute bin ich einer von denen, die immer ihre Schuhgröße mit der Kragenweite verwechseln. Mühsam hatte ich mir das System der amerikanischen Jeans-Größen eingebläut; die Ordnung der Bügelfalten-Hosen erschloss sich mir nie, sicher, weil ich mit 16 diese Hosen so stark ablehnte, dass ich ihre Ordnung nicht lernen WOLLTE.

Aber ich musste sie nun verkaufen, eine Mittagspause lang. Ich schwitzte. Niemand kam, Gott sei Dank, zunächst. Dann trat doch ein untersetzter Mann auf mich zu. Er fragte nach einer Hose, seine Größe wisse er leider nicht. Ich wusste sie schon gar nicht und griff in der Not ruckzuck die nächstbeste Hose vom Ständer. Der Mann ging in die Kabine – und kam strahlend zurück: Die Hose saß wie angegossen. Er kaufte drei. Es sei für ihn sehr schwierig, sagte er, gut sitzende Hosen zu finden. Immer wieder lobte er meine überragende Sachkunde. Nie sei er so perfekt und rasch bedient worden. Es war ein Moment des Glücks für ihn, für mich und auch für Karstadt, längst vergessen bei allen anderen Beteiligten. Nur nicht bei mir.

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