Politik : Und was mache ich jetzt? Von Axel Hacke

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Jemand hat mal gesagt, in jeder FußballElf gebe es zwei Verrückte: Torwart und Linksaußen. Aber Linksaußen gibt es nicht mehr. Rummenigge, Heynckes waren die letzten, schon nicht mehr nach klassischer Art, sie begannen links, aber im Spiel tauchten sie auf allen Seiten auf, Rummenigge auch in der Mitte. Der Linksaußen verschwand im alles verschlingenden Mittelfeld, und es bleibt die Erinnerung an Männer, die den Fußball von den Grenzen der Ballistik und der Schwerkraft befreiten und ihm Leichtigkeit verliehen.

Nie wird man jenes Tor vergessen, das Lothar Emmerich, einer der besten Linksaußen, bei der WM 1966 gegen Spanien schoss. Held warf ein, Emmerich versetzte Sanchis mit einer Körpertäuschung, erreichte den Ball kurz vor der linken Fahne, schoss mit links von der Grundlinie aus – ins gegenüber liegende Tor-Dreieck. Unfassbar. Unbegreiflich. Unmöglich. Aber wahr.

Große Linksaußen: der Kettenraucher Francisco Gento, einst bei Real zusammen mit di Stefano und Puskas. Luigi Riva, der bei US Cagliari spielen musste, obwohl er gern bei Juventus gewesen wäre, indes ließ man ihn nicht gehen. In Deutschland: Der Schalker Erwin Kremers, der aus dem Aufgebot für die WM 1974 gestrichen wurde, weil er einen Bundesliga-Schiedsrichter, der Fouls von Kaiserslauterer Verteidigern ignorierte, „blöde Sau“ genannt hatte. Der Pfeifenmann hatte noch gefragt: „Was haben Sie gesagt?“ Kremers hatte wiederholt: „Ich habe gesagt: Du blöde Sau!“

Und Willi „Ente“ Lippens natürlich, der Holländer in Essen und Dortmund. Der stoppte den Ball mit den Hintern und setzte sich drauf, mitten im Spiel. Jeder Fußballfreund kennt die Geschichte vom Schiedsrichter in Herne, der sagte: „Herr Lippens, ich verwarne Ihnen.“ Lippens antwortete: „Herr Schiedsrichter, ich danke Sie!“ Dafür ging er vom Platz. Schiedsrichter mochte er so wenig wie Trainer, die verlangten, dass er in der Abwehr helfe und „dass ich Verteidiger decke und so ’ne Scheiße“.

Die Torhüter Maier und Kleff berichteten, Lippens habe ihnen vorgeschlagen, sie sollten mal einen Abstoß zu ihm spielen, dem Gegner, er würde zurückpassen – das wäre ein Spaß! Aber beide Torleute wagten das nicht, aus Angst, Lippens könnte ihnen den Ball einfach reinhauen. Schade, dass man nie erfuhr, was geschehen wäre.

Es gibt, wie gesagt, keine Linksaußen mehr. Das bedeutet, in jeder Elf ist nur noch ein Verrückter, der die Last des Wahnsinns allein zu tragen hat. Vielleicht erklärt dies die wiederkehrenden Ausbrüche und Anfälle von Kahn und Lehmann und ihrem nun abgesetzten Torwart-Trainer Maier?

Ein Grund mehr, den Linksaußen endlich wieder einzuführen. Mit Lippens als Linksaußen-Trainer? Er lebt zwischen Essen und Bottrop und züchtet Pferde.

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