Politik : Und was mache ich jetzt? Von Axel Hacke

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Heute haben wir Halloween. Früher glaubten die Leute, in der dunklen Winterzeit seien uns die Toten besonders nah und der Übergang zu ihrem Reich sei fließend. Sie stellten in der Nacht des 31. Oktober Nahrungsmittel für Besucher aus dem Jenseits bereit, daneben postierten sie einen gruseligen Kürbiskopf, der böse Geister vertreiben sollte. So entstand die ganze Sache. Heute ist ein Riesenfest daraus geworden, in dessen Rahmen übrigens der Kürbis eine Karriere macht, die man ihm vor einer Weile nicht im Geringsten zugetraut hätte.

Wo man zurzeit geht und steht: Kürbisse. Man fährt übers Land und sieht am Straßenrand: Kürbishändler vor Kürbishaufen. Man geht durch die Stadt: Kürbisse in allen Fenstern. Man ist eingeladen: Kürbissuppe auf dem Tisch, begleitet von elaborierten Gesprächen über die prostatastärkende Wirkung von Kürbiskernen sowie über die Zubereitung von HizikiAlgen-Möhren-Strudel mit Hokkaido-Kürbis im Mürbteig.

Dann der Blick in die Zeitung: Bei der Europameisterschaft im Kürbiswiegen haben in der Schweiz italienische Kürbisfreunde mit einem 369,8 Kilogramm schweren Kürbis den Sieg davongetragen. Man kann das Ding nun bei der weltgrößten Kürbisausstellung in Ludwigsburg besichtigen, deren Schirmherr aber nicht Helmut Kohl ist, der wohnt in Ludwigshafen, das ist weiter nördlich. Man sollte jedoch nicht vergessen, dass der Kürbisweltrekord bei 570,7 Kilo liegt, gehalten von Craig W. Weir aus den USA. Inoffizieller Rekordhalter ist Bruce Whittier aus New Hampshire mit 660,5 Kilo. Dieser Kürbis hatte aber ein Loch und wurde nie zum Wettkampf zugelassen.

Das hat alles etwas Furchterregendes. Diese rainercalmundhaften Superkürbisse sind nur mit Kettensägen zerteilbar, wenn überhaupt. Sie müssen täglich mit mehreren hundert Litern Wasser getränkt werden, und wenn die Sucht nach immer größeren Kürbissen zunimmt, wird der Tag kommen, an dem ein paar Plantagenkürbisse ganze Seen leer saufen und man die Luftwaffe einsetzen muss, um die Dinger handlich zu machen. Oder wir müssen sie bergmännisch bearbeiten, Stollen vortreiben und aushöhlen. Fenster und Türen reinmachen. Am Ende leben wir in Kürbissen, was? Oder die Dinger liegen nur noch völlig nutzlos rum und fangen an zu sprechen.

In China gilt der Kürbis als Symbol für langes Leben, ja Unsterblichkeit. In Afrika repräsentiert er Fruchtbarkeit, seiner gebärmutterähnlichen Form wegen. Und bei uns? Dummheit! Seneca verspottete den Kaiser Claudius für seine Beschränktheit mit einem Text unter dem Titel ÑApocolocyntosisì, das heißt Verkürbissung. Der Aufstieg einer Frucht, die für Unsterblichkeit, Fruchtbarkeit, Dummheit steht – wenn das nicht beängstigend ist, weiß ich auch nicht.

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