Politik : Und was mache ich jetzt? Von Axel Hacke

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Nun wird es kälter in Deutschland. Wir OhrensesselAbenteurer stecken die Nasen in Geschichten aus Nacht und Eis: Nadolny, Ransmayr, Shackleton – was das Regal hergibt an Erfrierungen, Skorbut und den schnellen Tod durch Eisbärenbiss. Neben allen möglichen Bedeutungen, die das ewige Eis an den Polen für die Welt haben mag, ist es für unsereinen ja vor allem als Geburtstätte schrecklichster Geschichten von Belang. Man ist doch froh, dass es Verrückte genug gab, die alle erdenklichen ungemütlichen Orte bereisten. So müssen wir nicht selbst dorthin. Können lesen.

Der Abenteurer von Rang reist seinerseits auch nur, um davon zu erzählen. „Denke daran, Mutter, ich muss berühmt werden & kann mich nicht mit Jahren ganz gewöhnlicher Plackerei abfinden“, schrieb Robert Peary an Mama, als er Richtung Nordpol aufbrach. Er wurde ein weltbekannter Mann, bis heute wird er als Entdecker des Nordpols bezeichnet, obwohl er 1909 dort so wenig war wie sein Konkurrent Frederick Cook im Jahr zuvor. Beide waren Schwindler. Cook saß am Ende seines Lebens sieben Jahre im Gefängnis, weil er Aktien gefälscht hatte.

Dennoch nötigt einem Peary Respekt ab: Schon 1899 wurden ihm acht erfrorene Zehen amputiert, nur die kleinen blieben ihm. Er bewegte sich seitdem in „einem eigenartigen, gleitenden Schlurfen“ voran, wie Charles Officer und Jake Page in ihrem Buch über „Die Entdeckung der Arktis“ berichten. Von weiteren Expeditionen hielt ihn das nicht ab, nur eben am Pol war er nie, obwohl er’s behauptete. Übrigens wäre Amundsen nie erster am Südpol gewesen, hätte er nicht 1908 Cooks und Pearys Geschichten vom Erreichen des Nordpols geglaubt: Er wollte gerade selbst dorthin, dirigierte flugs sein Schiff um, mit bekannten Folgen.

Den Nordpol selbst kann man heute mit russischen Eisbrechern, Flugzeugen oder atomgetriebenen U-Booten erreichen. Erst 1968 kam ein Amateur-Entdecker namens Plaistead (von Beruf Versicherungsvertreter in Duluth/USA) mit drei Freunden als erster übers Packeis dorthin, mit Schneemobilen. Niemand hat bis heute geschafft, was Peary behauptete: mit Schlitten und Hunden nicht nur dort gewesen, sondern damit auch zurückgekehrt zu sein.

Das sind die Geschichten, die wir lieben in diesen Tagen. Der Zeitung jedoch entnehmen wir Nachrichten über das Schmelzen des arktischen Eises: Gerade haben Wissenschaftler aus acht Anrainer-Staaten der Arktis darauf hingewiesen, dass dieser Prozess schneller verlaufe als noch vor fünf Jahren erwartet. Am Nordpol findet der Klimawandel im Zeitraffertempo statt. Irgendwann wird es nicht mehr besonders aufwändig sein, den Pol zu erreichen, was? Aber ausgerechnet diese Tatsache bezeichnet das größte Abenteuer, auf das sich die Menschheit je eingelassen hat.

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