Politik : Und was mache ich jetzt? Von Axel Hacke

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Neun Tage dauert schon das EinsteinJahr. Immer öfter fragen Kinder, wer Einstein gewesen sei. Ihre Väter sagen: „Der berühmteste Physiker.“ Die Kinder fragen: „Warum ist er berühmt?“ Die Väter antworten: „Von ihm stammt die Relativitätstheorie.“ Und sie ahnen, was kommt. Sie versuchen, zu fliehen oder wichtige Tätigkeiten vorzuschützen, manche ahmen in unglaublicher Perfektion die Klingeltöne ihrer Handys nach, um einen dringenden geschäftlichen Anruf vorzutäuschen – aber es hilft nichts. Irgendwann kommt die schlimmste Frage: „Und was ist das: Relativitätstheorie?“

Nun teilt sich die Schar der Väter in zwei Kategorien. Die erste sagt: „Hast du deine Hausaufgaben schon gemacht?“ – „Ja.“ – „Gut. Dann geh jetzt spielen.“ – „Aber was ist es? Diese Theorie?“

„Ach so… Es ist, harummm… Verstehst du, wenn einer bei Lichtgeschwindigkeit durchs All saust… Na, wozu haben wir den Taschen-Brockhaus, was steht da? ,Einstein hat die Zusammenhänge der Raum-Zeit-Struktur mit der Gravitation behandelt. Danach sind die Wirkungen einheitlicher Gravitationsfelder…’ Ja, wer soll das verstehen? Unglaublich, so was verstehe nicht einmal ich.“ Die Väter dieser Kategorie brechen nun in langwieriges Verfluchen von Lexikonautoren aus, immer in der Hoffnung, ein Freund des Kindes könnte anrufen oder im Fernsehen begönne „Disneys große Pause“…

Die Väter der zweiten Kategorie haben sich informiert. Sie haben in einem Buch von Hawking geblättert oder das Januar-Heft von „Geo“ gekauft. Oder von „P.M.“ Nun versuchen sie sich zu erinnern. Aber es fallen ihnen nur Bruchstücke ein, nichts Zusammenhängendes. Dass Uhren in schnell bewegten Objekten langsamer gehen als andere Uhren. Dass dieses berühmte Foto Einsteins mit der Zunge an seinem 72. Geburtstag entstanden ist und er selbst es gern als Grußkarte verschickt hat (aber das hat mit der Relativitätstheorie leider nichts mehr zu tun). Und dass im Dezember in „Focus“ zu lesen war: Wenn ein Mann zu einem Raumflug mit 75 Prozent Lichtgeschwindigkeit aufbreche und nach 60 Jahren wieder lande, sei er nur um 40 Jahre gealtert, sein Zwillingsbruder hingegen, der auf der Erde blieb, um 60 Jahre. (Und welcher hat das schönere Leben gehabt! Dazu in „Focus“: nichts.)

Und stand nicht irgendwo, dass eine Uhr oben auf einem Schrank schneller geht als eine auf dem Boden? Ja, so war das doch.

Darauf klettern die Väter der zweiten Kategorie auf einen Schrank, weil sie denken, dass dann ja dort das Einstein-Jahr schneller vorbeigehen müsste, wenn auch nur ein bisschen. Und die Väter der ersten Kategorie liegen schon längst auf den Schränken, weil sie das Gefühl haben, hier vor Fragen, die sie nicht beantworten können, gut geschützt zu sein. Na ja, relativ gut.

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