Politik : Und was mache ich jetzt? Von Axel Hacke

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Manche Menschen scheinen ohne Fernsehen nichts mehr tun zu können, mit Fernsehen aber sind sie zu allem bereit. Nehmen wir an, bei uns würde das ZDF anrufen und fragen, ob man für drei Tage in Essen bei einer Lehrerin mit fünf Kindern den Haushalt führen würde und noch was von ihrem Unterricht übernehmen könnte, sie würden einen filmen und das Dienstag im ZDF zeigen. Man würde den Hörer auflegen, oder? So wie man den Hörer auflegt, wenn einer von der Versicherung anruft, schnell und stumm und zack.

Nicht so Jürgen Rüttgers. Jürgen Rüttgers mäht den Rasen, deckt den Tisch und backt Eierkuchen, Unterricht hält er auch noch, vorausgesetzt, er wird gefilmt und sie zeigen das Dienstag. Machen sie auch. Im ZDF beginnt da eine Reihe, sie heißt „3 Tage Leben, der Alltagstest für Politiker“ und zeigt Rüttgers von der CDU als kinderreiche Lehrerin,dann Ute Vogt von der SPD als Berlinerin mit Kind, schließlich eine Grüne aus Dresden als irgendwen in Hamburg.

Wie gesagt, ohne Fernsehen würden sie es nicht machen. Sie wollen uns zeigen, dass sie Eierkuchen backen können. Obwohl es uns egal ist. Wir wollen, dass diese Leute REGIEREN oder OPPONIEREN, unsere Eierkuchen machen wir selbst, bitte, bloß regieren und opponieren können wir nicht, dazu fehlen die Zeit und die Lust, dafür brauchen wir Leute. Aber genau diese Personen stehen mit einer Pfanne in der Tür, hinter sich eine Kamera, und ihre Eierkuchen schmecken wahrscheinlich nicht mal.

Manchmal fragt man sich, ob sie ohne Fernsehen existieren. Könnte es sein, dass Jürgen Rüttgers nur von Kameras überhaupt ins Leben gerufen wird? Dass er erlischt, wenn man ihn nicht filmt? Man müsste es ausprobieren, hingehen, eine Kamera ausschalten und sehen, was passiert. Wie Rüttgers „Puff!“ macht und sich dem Äther vermählt.

Es wird so weit kommen, dass Jürgen Trittin klingelt und sagt, er habe gehört, unser Fahrrad sei kaputt, er würde es reparieren. Und wenn er weg ist, haben wir ein Windrad im Garten. Oder Hans Eichel will für uns einkaufen gehen, und am nächsten Tag sind alle Konten gesperrt, wegen Überschuldung. Oder Guido Westerwelle steht in Noppensocken vor dem Bett und sagt, er habe mal heißen Kakao gemacht, guten Morgen auch, der Herr hinter ihm sei von RTL. Und eines Tages möchte George Bush die Ölheizung reparieren, aber da reißen sie vorher das Haus ab und bauen es neu. Und wir dürfen nicht zu Hause sein, wenn er kommt, aus Sicherheitsgründen.

Das Problem mit der Wirklichkeit ist, dass sie allmählich surreal wird. Man wartet immer, dass das Licht angeht und neben einem einer murmelt: „Blöder Film!“ Oder dass diese Kreischkrämpfe nicht mehr kommen, wenn man das Fernsehprogramm liest. Aber es hört nicht auf. Es hört einfach nicht auf.

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