Politik : Und was mache ich jetzt? Von Axel Hacke

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Vor Jahren habe ich ein Foto aus der Zeitung geschnitten, das zeigt einen Mann auf einer Müllhalde in Südamerika. Der Mann sucht etwas, gräbt im Abfall, dreht Müllstück um Müllstück um, und aus dem Bildtext erfährt man, was er vermisst: seinen Lottoschein. Er hatte erfahren, dass auf die von ihm gewählten Zahlen der Hauptgewinn gefallen war, aber er hatte den Schein aus Versehen weggeworfen. Und um ihn auf dieser Halde zu finden, müsste er mindestens noch mal das gleiche Glück haben, das er zum Gewinn gebraucht hatte. So viel Glück hat jedoch niemand.

Man kann sich in das Bild vertiefen und darüber grübeln, wie sehr unser Dasein der Suche nach dem Glück in einem Müllhaufen ähnelt – die pessimistische Sicht. Man kann auch zum Schluss kommen, das Foto zeige mit großer Symbolkraft, dass jeder, der Glück im Geldgewinn vermute, am falschen Orte sucht – er gräbt im Müll. So würde es ein Pfarrer in seiner Predigt zu bedenken geben. Drittens könnte man sagen: Wenn du Lotto spielst, pass auf deinen Schein auf, Mann! Der pragmatische Ansatz.

Jedenfalls gibt es einerseits Leute, die anfallartig Lotto nur spielen, wenn große Jackpötte winken, andererseits jene, denen Lotto eine Gewohnheit ist, ein wöchentlich wiederkehrendes „Vielleicht“ im Leben. Während die einen der Ziehung entgegenlechzen, vergessen die anderen in ihrer Glücksroutine schon mal, nach den frischen Zahlen zu sehen. So einer hat jetzt den Pott geknackt, 20,4 Millionen Euro: ein Mann aus dem Ruhrgebiet, Taubenzüchter, Fußballfreund, Ehemann, Vater. Tagelang hatte er sich nicht gemeldet, die ganze Republik ächzte, da könne einer seinen Schein verlegt oder vergessen haben, man sah ihn schon weinend an die Türen der Müllverbrennungsanlagen hämmern. Aber er hatte nichts von alledem mitbekommen, erst als er einen neuen Schein kaufen wollte und den alten dabei nachprüfen ließ, erfuhr er’s. (Psssst: Könnte es sein, dass der Mann schon glücklich war? Auch ohne Gewinn?)

Vielleicht mag es das Glück nicht, wenn wir vorm Fernseher nach den Zahlen jachtern, Tippschein in der Hand. Vielleicht sitzt es irgendwo, das Glück, und sagt: Wie eklig, diese Gier! Vielleicht hat es die Leute lieber, die mit Gewinnen nicht rechnen. Da fühlt es sich wohler, es mag den großen Auftritt. Die Riesenüberraschung. Könnte sein, was? Könnte übrigens sein, dass ich es jetzt auch so mache: mein neues Lottoglückerwartungskonzept. Nicht mehr nach den Zahlen gucken. Vergessen, dass es Lotto überhaupt gibt, nur montags wie nebenbei den Schein auf die Theke legen: Können Sie kurz gucken, ist ja sicher nichts, und geben Sie mir den „Spiegel“ und ein „Nuts“… Hörst du, liebes Glück, wie bescheiden ich bin, wie wenig ich auf einen Lottogewinn hoffe, dass ich gar nicht mehr damit rechne, Glückilein, siehst du’s? Hallo, bitte?

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