Politik : Und was mache ich jetzt? Von Axel Hacke

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Was immer noch nicht klar ist: ob Ratzinger selbst unbedingt Papst werden wollte. Oder ob er lieber in Pentling noch zwei, drei Bücher über den Glauben heute, jetzt und übermorgen geschrieben hätte. Man hat nun so viel gelernt: dass Papst Damasus II. der dritte deutsche „PetrusNachfolger“ war, aber 24 Tage nach der Wahl an Malaria starb; dass Marktl auf halbem Weg zwischen Altötting und Braunau liegt; dass Ratzingers eucharistische Theorie des kommunikativen Handelns „sich in strukturanaloger Weise auch bei einigen Vertretern der Kritischen Theorie“ findet … – das hat etwas mit dem „in der Sprache unhintergehbar angelegten Telos der Verständigung“ zu tun. Entnehmen Sie Näheres der „Frankfurter Rundschau“.

Aber wollte Ratzinger Papst werden? War er richtig scharf aufs Amt? Einerseits habe er, so der „Münchner Merkur“, als Dreijähriger dem Kardinal Faulhaber erklärt: „Ich werde auch mal Kardinal.“ Das wäre früh angelegtes Karrieristentum. Andererseits entnimmt man einem Bericht des Vatikan- Korrespondenten der FAZ, Ratzinger habe „bei einem Spaziergang vor dem Konklave“ zwar von seinem Lieblings- Papstnamen gesprochen: „Benedikt“ klinge schön, und eine Abwechslung wäre es auch nach allen Johannessen, Pauls und Johannes Pauls. Aber, so die FAZ: „Joseph Kardinal Ratzinger sprach nicht von sich.“ Bewahre! Er redete ganz allgemein …

Man kommt der Sache vielleicht näher, wenn man den Gedanken der Selbst-Überraschung verfolgt. Vor Tagen ging Berlusconi zum Präsidenten Ciampi, um zurückzutreten, kam wieder heraus, trat nicht zurück und sagte: „Ich habe mir selbst eine Überraschung bereitet.“ (Später trat er doch zurück.) Die Fähigkeit zur Selbst-Überraschung: das Geheimnis der Großen?

Nehmen wir jene Oscar-Preisträger, die bei Nennung ihres Namens so ungläubig dreinblicken, als hätten sie nicht mal von ihrer Nominierung gehört, dann aber flüssig eine Rede vortragen. Nehmen wir die Fußballer, die beim ersten Treffer nach torlosen Monaten ein Unterhemd enthüllen, auf dem etwas wie „Danke, geliebte Sandra!“ steht. Oder nehmen wir eben Ratzinger, der am Morgen nach der Wahl eine lange Ansprache in herrlichem Latein vortrug, die sicher nicht aus dem Predigt-Automaten kam. Alles Selbst- Überrascher: nichts vom Schicksal erwarten, aber rein zufällig (sehr wichtig!) immer gut vorbereitet sein!

Wir aber gedenken an diesem Sonntag der 114 Kardinäle, die sich gern Johannes Paul III., Paul VII. oder Johannes XXIV. genannt hätten, doch ihre fertigen lateinischen Texte noch im Wahl- Ofen der Sixtinischen Kapelle verheizten. Und jener Fußballer, auf deren Unterhemden Namen wie Michaela oder Renate im Schweiß der Erfolglosen zerlaufen. Wir erinnern an alle, die immer für große Siege präpariert sind, sie aber nie erleben.

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