Politik : Und was mache ich jetzt? Von Axel Hacke

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Allmählich sollte man daran denken, den HundertMeter-Lauf abzuschaffen. Diese Woche hat Herr Powell aus Jamaika die Strecke in 9,77 Sekunden zurückgelegt. Das ist genau eine Hundertstelsekunde schneller als Tim Montgomery im Jahr 2002, der seinerseits damit Maurice Greenes Weltrekord von 1999 um eine Hundertstelsekunde unterboten hatte. Sechs Jahre für zwei Hundertstel! Der Fortschritt ist eine Schnecke, ausgerechnet im Sprint, und – wer weiß? – selbst für diese Winzigkeiten mussten die Herren vielleicht mehr als nur Brot und Früchte und Coca-Cola zu sich nehmen, so wie Florence Griffith-Joyner, die 1988 die Strecke in seither ununterbotenen 10,40 lief, aber zehn Jahre danach an Herzversagen starb, womöglich eine Doping-Folge.

In der „Süddeutschen“ stand dieser Tage, vielleicht könne man mit Gen-Doping den Weltrekord eines Tages auf 9,4 Sekunden drücken, unter neun aber auf keinen Fall, denn hier setze die Geschwindigkeit der Übertragung von Nervenimpulsen auf Muskeln eine natürliche Grenze – der Mensch könne quasi nicht schneller laufen als denken.

Das eröffnet nun aber neue Perspektiven. Wenn man ein Gerät entwickeln würde, das die Geschwindigkeit von Gedanken zu messen in der Lage wäre, müssten die Herren Powell, Montgomery und Greene gar nicht mehr laufen, sie würden sich nur noch an den Startblöcken versammeln und ins Ziel denken, wo dann die Kampfrichter mäßen, welcher Gedanke zuerst bei ihnen ankäme. Der alte Satz „Was man nicht im Kopf hat, muss man in den Beinen haben“ wäre außer Kraft; auch kleine, untersetzte Hochgeschwindigkeitsdenker hätten auf den hundert Metern eine Chance. Wobei man sich noch darüber unterhalten müsste, ob es das Gleiche ist, einen lächerlich-minimalen Gedanken wie „Ich heiße Powell“ ins Ziel zu bringen wie einen richtigen fetten Habermas-Brocken.

Aber noch mal zur Abschaffung der Hundert-Meter-Strecke. Vor Jahren stellte man am Rotman Research Institute in Toronto zwei Gruppen von Menschen die gleiche Aufgabe. Die Angehörigen der einen Gruppe waren zwischen 18 und 32 Jahre alt, die der anderen zwischen 63 und 83. Hinterher mussten alle schätzen, wie lange sie für die Aufgabe gebraucht hatten. Die älteren Menschen unterschätzten dabei durchweg diese Zeitspanne, sie sagten „dreißig Sekunden“, wenn es in Wahrheit sechzig gewesen waren. Das heißt nichts anderes, als dass ein Siebzigjähriger den Hundert-Meter-Weltrekord bei knapp fünf Sekunden liegend empfindet. Und dass ein Hundertjähriger Herrn Powell bei seinem Lauf wahrscheinlich gar nicht mehr wahrnehmen würde, weil er gerade für gefühlte drei Sekunden die Augen geschlossen hatte.

Man muss also nur alt genug werden, dann schafft sich der Hundert-Meter-Lauf für einen gleichsam von selbst ab. Ist doch tröstlich.

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