Politik : Und was mache ich jetzt? Von Axel Hacke

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Frustriert“ kommt von lateinisch „frustra“, vergeblich. Wirklich interessant ist aber der Gebrauchswandel des Wörtleins in den Jahrzehnten. Der Schriftsteller FranzMaria Sonner hat in einem Buch („Werktätiger sucht üppige Partnerin“) Kontaktanzeigen aus dem „Blatt“ gesammelt und untersucht, der ersten bekannten Stadtzeitung, die von 1973 bis 1984 in München erschien. Dort taucht „frustriert“ als positiv besetzt auf. „Typ, Mitte 20, nett aber ziemlich frustriert, sucht sympathische Femina.“ Oder: „Abiturient, verklemmt, in Bälde total frustriert, evtl. versteckter Minderwertigkeitskomplex, sucht in etwa äquivalentes Mädchen.“ Wer würde sich heute so anpreisen?

Damals war Frustriertsein kein Makel. Es war, in einer etwas vulgären Interpretation Wilhelm Reichs, Mangel an Sex, und der war irgendwie gesellschaftlich verursacht, jedenfalls beim Menschen. (Das Thema kam ja auch bei Hunden vor: „Wir suchen für unseren frustrierten ungarischen Hirtenhund Nikosch ein scharfes Weibchen in seiner Größe, Schäferhund oder so. Garten vorhanden.“) So wurde „frustriert“ Schlüsselwort einer Generation, und nicht immer war’s so lustig wie in Claire Brétechers berühmten Comic „Die Frustrierten“, in dem der Begriff schon eine gewisse Müdigkeit im Ringen mit Neurosen, Männern, Kindern, Gesellschaft bezeichnete. Eine Art Migräne.

Wer sich an diese Jahre des Frusts erinnert, der staunt, wenn nun ein CSU- Vorsitzender erst ganze Bevölkerungsteile „frustriert“ nennt, und wenn dann im „Spiegel“ nachzulesen ist, wie sich Stoiber und Lafontaine beim Frustrierten-Gipfeltreffen gegenseitig zurufen: „Sie sind frustriert.“ Und: „Jetzt sind Sie frustriert.“ Und damit keineswegs meinen, der andere solle öfter mit äquivalenten Damen ins Bett gehen. Sondern? Das ist es eben. „Frustriert“ ist unter Alpha- Männchen eine Beleidigung, gleich bedeutend mit „Versager“. Wenn einer „frustriert“ ist, fällt’s auf ihn selbst zurück.

Unter allen übrigen Deutschen aber ist „Frust“ ein großes Alleswort. (Selbst der Mörder eines Siebenjährigen gibt als Motiv „persönlichen Frust“ an.) Im Internet findet man unter „frustriert.de“ den Reichtum des Landes an Launen, Verstimmungen, Depressionen, von „Ich bin 19 und weiß nicht warum, das Leben kommt auf mich zu, das will ich nicht“ hin zu: „Heute ist die zweite Turbomolekularpumpe in zwei Wochen gestorben. Nebenbei sind in den letzten drei Wochen ein RF-Amplifier, ein Argonlaser, ein Computermainbord und zwei Circulatoren zu Bruch gegangen…“ Am Ende ein Schrei: „Ich kann meiner eigenen Blödheit nicht entkommen!“

Was soll man sagen? Der Frust der Siebziger war schöner. „Kurza Rede langa Sinn“, stand im „Blatt“, „mia braucha an Haufa Madl zum Feiern. S’ genaue Datum müaß ma no ausmacha.“

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