Politik : Und was mache ich jetzt? Von Axel Hacke

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In den nächsten Tagen kommt Luc Jacquets „Die Reise der Pinguine“ in die deutschen Kinos. Man ist gespannt auf die Debatten, die er auslösen wird. In den USA haben fundamentalistische Christen den Dokumentarfilm als eine Art Gottesbeweis interpretiert.

Die Kaiserpinguine, um die es geht, nehmen nämlich für ihr Familienleben unglaubliche Entbehrungen auf sich. Sie legen in der unaussprechlichen Unwirtlichkeit der Antarktis zunächst einen HundertKilometer-Marsch zu den weit vom Meer entfernten Brutplätzen zurück. Haben die Weibchen ihre Eier abgelegt, setzen sich die Männchen drauf und brüten, bei Nacht, Sturm und Eis, während die Kaiserpinguininnen (oder Kaiserinnenpinguine?) zum Wasser zurücklatschen, zwei Monate lang fischen, um dann zu den frisch geschlüpften Jungen zurückzukehren – worauf die halb erfrorenen und verhungerten Männer sich zu den Jagdgründen schleppen.

Die erwähnten Fundamentalisten sagen: Da seht ihr, wie tugendhaft die leidende Kreatur ihr Schicksal auf sich nimmt – es muss einen Gott geben, der diesen Geschöpfen Moral und Familiensinn gegeben hat. Die Gegner der Fundamentalisten weisen darauf hin, dass es im „Central Park Zoo“ zwei schwule Pinguine namens Roy und Silo gebe, die gerne einen kleinen Pingi adoptieren würden, wenn man sie ließe, dass die Pinguine des Weiteren jährlichem Partnerwechsel nicht abgeneigt seien, und dass Gott drüber nachdenken sollte, warum er Pinguinen das Brüten so schwer mache. Es wäre reizvoll, die ganze Fauna mal durchzugehen: Welche Tiere leben gottgefällig, welche nicht? Einerseits die hemmungslose Promiskuität japanischer Rotgesichtsmakaken, andererseits die tiefe Frömmigkeit des Badeschwamms, der sich ungeschlechtlich vermehrt.

Aber ist das in Deutschland das Thema? Wird man nicht den Film auf die politisch-sozialen Verhältnisse wenden? Werden sich also Männer wie Wendelin Wiedeking melden, die sagen: Einerseits gefällt uns die unerbittliche Tüchtigkeit der Pinguine und wie sie es schaffen, sich auf den Brutmärkten zu behaupten, wie sie persönliche Ansprüche zurückstellen, nicht nach Vorteilen rufen, sondern arbeiten; andererseits müsse man fragen, ob die Brutplätze wirklich so weit vom Wasser entfernt sein müssen, das seien zu lange Wege, und überhaupt stünden die Pinguine immer noch zu viel herum.

Die Rede von Michael Sommer wird sein: Da seht ihr, was aus der Gesellschaft wird, wenn die Eiszeit des Neoliberalismus ausbricht, wenn uns jede soziale Wärme genommen wird: Familien werden auseinander gerissen, Männer müssen monatelang hungern, ihre kräftigen Arme werden zu Stummeln verkümmern, weil es keine Arbeit mehr gibt. So weit die Skizze der kommenden Debatten. Meine Meinung: Könnte auch einfach endlich mal wieder’n guter Tierfilm sein!

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