Politik : Und was mache ich jetzt? Von Axel Hacke

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Es gab Zeiten, da war der Vollbart eines Mannes Zeichen seines Ranges. Keinen Mächtigen gab es ohne Bart, und wer im Felde besiegt und hernach unterworfen wurde, den rasierte man als Erstes. Alarich, der Gote, machte es so mit dem Frankenkönig Chlodwig, und als die Ammoniter Davids Abgesandten kränken wollten, schoren sie dessen Gesicht zur Hälfte, so steht es im Buch der Könige. Sklaven waren bartlos. Die meisten US-Präsidenten bis Teddy Roosevelt waren bärtig.

Heute sind alle Gesichter auf den großen Gipfeltreffen glatt. Der Letzte, der bartgesichtig in ein großes Amt strebte, war Rudolf Scharping, man weiß, was aus ihm wurde, er rasierte sich erst nach der Kanzlerkandidatur, da war es zu spät. Bruno Kreisky, der Österreicher, ließ sich erst einen Bart stehen, als er Rentner war. Macht scheint heute etwas Bartvernichtendes zu haben, selbst Trittins Schnauz schwand im Amt dahin, und auch Thierse war früher doch erheblich zotteliger. Möllemann – das war im Grunde der letzte klassische Schnurrbart in einem Kabinett. Struck rechnen wir nicht mit, sein Bart fällt irgendwie kaum auf, und wer öfter nach Afghanistan reisen muss, sollte wohl tatsächlich wenigstens der Form halber ein paar Haare im Gesicht haben, man zählt da unten ja sonst nichts.

Interessant übrigens, dies nebenbei, das auch in anderen wichtigen Bereichen Bärte praktisch nicht mehr existieren, noch vor 20 Jahren gab es 162 schnauzbärtige Bundesliga-Fußballer, heute keinen einzigen mehr! Ali Daei, der Herthaner aus dem Iran, war der letzte, das war schon 2000, man entnehme Näheres Herrn Biermanns verdienstvollem Buch „Fast alles über Fußball“. Wenigstens ist jetzt Peter Neururer wieder Bundesliga-Trainer. (Obwohl: Was unter seiner Nase wächst, nennt man vulgo nicht eigentlich Bart, eher „Popelbremse“.) Nun aber, da wieder einmal die SPD gerettet werden musste, standen gleich zwei Bärtige bereit: der stachelige, immer etwas an den Kater Karlo aus alten Micky-Maus-Heften erinnernde Kurt Beck und Matthias Platzeck, eher ein Unrasierter als ein wirklicher Vollbart, aber gut. Und man weiß schon, was geschieht, man möchte wetten, irgendwann 2007, 2008, spätestens 2009 wird dies’ Gesicht ein anderes sein. Bart und Macht, das geht nicht mehr.

Und warum? Es wird daran liegen, dass unsere Beschwichtigungsgesellschaft das Martialische, Aggressiv-Virile, auf den Blickkontakt Reduzierte eines Bartmannes gar nicht mehr erträgt. Wir wollen Gesichter! Mimik, Mundwinkel, Lippen! Keine Bartmaske. Also sind wir gespannt auf Platzecks wahres Kinn und seine nackten Wangen, eines Tages dann. Aber erst einmal geht es ja nicht um die Macht, erst mal geht es bloß um die SPD, die kann man auch unrasiert retten, vielleicht muss man es sogar, ist eh keine Zeit im Moment für so was.

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