Politik : Und was mache ich jetzt? Von Axel Hacke

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Das geht einem nicht mehr aus dem Kopf, wie Edmund Stoiber vor einem ganzen Parteitag klagte, er leide „wie ein Hund“ unter dem, was er seiner geliebten Partei angetan habe. Es wirft so viele Fragen auf: Wie leiden Hunde? Wann leiden sie? Und wer mag, wenn Stoiber Hund ist, sein Herrchen sein? Wir alle? Die CSU? Frau Merkel?

Niemand anders als Thomas Mann hat beschrieben, wie unterschiedlich Hunde leiden, wenn sie zum Beispiel bestraft werden. Mann besaß zunächst einen schottischen Schäferhund namens Perceval, dann einen „Bauschan“ getauften Hühnerhund. Beide reagierten auf Züchtigung geradezu gegensätzlich: „Wenn ich denn also, zum Äußersten gebracht, die Karbatsche vom Nagel nahm, so verkroch er (Perceval; Anm. d. Verf.) sich wohl zusammengeduckt unter Tisch und Bank; aber nicht ein Wehelaut kam über seine Lippen, wenn der Schlag und noch einer niedersauste, höchstens ein ernstes Stöhnen, wenn es ihn allzu beißend getroffen hatte, – während Gevatter Bauschan vor ordinärer Feigheit schon quiekt und schreit, wenn ich nur den Arm hebe.“

Es muss dem Einzelnen überlassen bleiben, wie er das Leiden des Stoiber hier einordnen will, aber vielleicht ist es wichtig zu sehen, dass es in diesem Fall nicht so sehr um Leiden unter Strafe geht, sondern um etwas anderes: die Furcht, vom Rudel verstoßen zu werden, allein zu sein, die Ur-Angst jedes Hundes, der tief in sich noch das Erbe der die weiten Wälder durchstreifenden Wolfsrudel spürt. Nichts Schlimmeres gibt es für Hunde als Trennungsangst. Hierüber nun lesen wir in James O’Heares grundlegendem Werk „Trennungsangst beim Hund“ eine klare Beschreibung der Symptome, unter anderem: übermäßige Lautäußerungen (Winseln, Jaulen, Bellen, Heulen), hektisches Hin-und-her-Laufen, Zerkauen und Zerstören von Gegenständen, Speicheln und Sabbern, feuchte Pfotenabdrücke durch Schweißabsonderung…

Es dürfte das erste Mal sein, dass ein Spitzenpolitiker eine solche Symptomatik bei sich entdeckt und – wenn auch metaphorisch verbrämt – zugegeben hat. Was sind das Schluchzen Eichels, das starr-stumme Leiden Münteferings gegen ein so schonungsloses Bekenntnis? Ja, ich jaule und winsele, ja, ich zerkaue Gegenstände, ja, ich laufe hektisch hin und her, ja, ich habe nasse Pfoten! Lasst mich nicht allein! Geht nicht weg! Lasst mich das Stöckchen holen! Verscheucht mich nicht aus dem Körbchen in der Münchner Staatskanzlei!

Selten durften wir tiefer in die Seele eines Großen blicken, nie wurde klarer, was ihn und uns verbindet. Es ist ein bisschen traurig, und deshalb sollte die große Koalition ihre Pläne überdenken, bundesweit die Hundesteuer zu erhöhen. Lasst diese Karbatsche am Nagel! Und, Frau Merkel, entfernen Sie den kleinen Hund mit dem wackelnden Stoiber-Kopf aus dem Fond ihres neuen Dienstwagens!

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