Politik : Und was mache ich jetzt? Von Axel Hacke

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Auff weihenachten richtet man dannenbäume zu Straszburg in den stuben auff, daran hencket man rosen ausz vielfarbigem papier geschnitten, äpfel, oblaten, zischgolt, zucker etc.“ Vierhundert Jahre ist es her, dass dies geschrieben wurde, in einer elsässischen Chronik: die erste bekannte Nachricht über den häuslichen Weihnachtsbaum.

Von Straßburg aus hat sich die Sitte ausgebreitet, der Baum als Lebensspender und Übelabwehr, selbst in Pacific Palisades hatte Thomas Mann 1945 einen und notierte: „Lichterbaum mit Staniol-Streifen geschmückt. Reiche und angenehme Geschenke.“ Mancherorts hängte man Äpfel und Gebäck in den Baum, die Kinder durften ihn schütteln und alles aufsammeln. Anderswo baumelten goldene Eier an den Zweigen, jedenfalls klagt die Magd in Theodor Storms Novelle „Unter dem Tannenbaum“, die goldenen Eier seien „denn doch vergessen.“ Und ist auch mit Hinweis auf die schönen goldenen Tannenäpfel nicht zu beruhigen, sie kannte es eben anders aus ihrer Kindheit.

Was man als Kind hatte, will man immer wieder haben, also wurden 2005 in Deutschland 27,5 Millionen Christbäume verkauft, 200 000 mehr als 2004, die Singles werden mehr, und alle wollen wenigstens einen Baum, wenn sie schon sonst niemand haben. Aus Amerika folgende News: Der Upsidedown-Christbaum ist der letzte Schrei, man hencket ihn an der Decke auf, die Spitze nach unten und hat endlich Platz für Geschenke und die Oma. In der Regel ist der Baumelbaum aus Plastik, doch man denkt unwillkürlich an Nadeln, die in den Jackenkragen regnen. Andererseits könnte man sie in einer Wanne unter dem Baum auffangen; wenn man Wannen unter Christbäumen mag.

Jedenfalls spart man Platz, und Ehepaare können in kleinen Wohnungen den Baum zwischen ihren beiden Sesseln aufhängen, man sieht sich dann auch nicht so. Hängen wir überhaupt nicht viel zu wenige Dinge auf in unseren Heimen? An den meisten Zimmerdecken sieht man bloß Lampen, scheußliche Raumvergeudung im Grunde, warum hängen wir nicht auch Schränke, Stühle, Tisch und uns selbst auf und kommen nur zu Weihnachten herunter?

In Amerika tobte die Debatte auch um die Frage: Naturbaum oder Kunstfichte? Der Vorteil des Naturbaums: Er ist einem emotional näher. Die Kunstfichte kommt aus China und vernichtet so Arbeitsplätze auf US-Tannenbaumfarmen; andererseits hält sie ein Leben lang, man kann sie vererben und muss nie wieder eine kaufen. Das scheinen die Chinesen nicht bedacht zu haben, sie kennen sich eben nicht aus mit unserer Kultur, deshalb wollen sie kubisch geformte Bäume herausbringen, die sich im Sommer im Keller lagern lassen. In Dänemark hingegen soll es Versuchswälder geben, in denen der Nordmann seine Tannen hängend nach unten wachsen lässt …

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