Politik : Und was mache ich jetzt? Von Axel Hacke

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Ja, ja, dieses Jahr ist Mozartjahr und Heinejahr, Freudjahr und Brechtjahr, Bennjahr und Beckettjahr, Bil- lywilderjahr und Rembrandtjahr. Aber nun Folgendes: Es ist vor allem das Neandertalerjahr! Im August wird es 150 Jahre her sein, dass man im Neandertal nahe Mettmann das Gerippe eines seinerzeit 60 Jahre alten Mannes fand, der vor 42 000 Jahren gestorben war. Ein Greis, der Zeit seines Lebens allerhand durchgemacht hatte. An Rachitis hatte er gelitten, eine Kopfverletzung war verheilt, seinen linken Unterarm hatte er wegen eines Bruches schon seit Jahrzehnten nicht mehr bewegen können. Im Grunde ein Sozialfall, gerade deswegen aber Beweis dafür, dass der Neandertaler keineswegs der Knüppel schwingende Blödmann gewesen sein kann, für den man ihn lange hielt. Unter asozialen Primitivlingen hätte ein derart Körperbehinderter kaum so alt werden können.

Man schleppte ihn mit, ernährte ihn. Die Neandertaler waren keine schlechten Kerle, lebten auch keinesfalls bloß in Höhlen, sondern konnten Behausungen bauen, Schmuck schnitzen und mit Waffen jagen, die nicht bloß Keulen waren. Übrigens hatten sie jedenfalls vom Anatomischen her sogar die Fähigkeit zu sprechen. War es nicht Anthony Burgess, der Autor des Bestsellers „Uhrwerk Orange“, der sich für Jean-Jacques Annauds Film „Am Anfang war das Feuer“ eine Neandertalersprache ausdachte? „Alarm“ hieß „Oowa“, und „riartchss“ bedeutete „heiß“, natürlich nur im Film, denn niemand hat je einen Neandertaler sprechen gehört, der Letzte von ihnen starb vor 27 000 Jahren, leider.

Man fragt sich, ob wir in der Lage sein werden, dieses Jahr gebührend zu begehen. Zwölfseitige Mozart-Beilagen sind in manchen Zeitungen schon erschienen, über den Neandertaler hingegen las man bisher wenig. Und wo bleibt die Neandertaler-Kugel? Der Marzipanspeer? Der „Herren-Slip Neandertal blau“ aus Polyester und Elastan? Die Neandertaler-Gedächtnishütte in jeder Stadt, durch die er jemals kam? All die Dinge, mit denen wir Mozart ehren? Der Neandertaler: zu Unrecht von der Accessoire-Wirtschaft noch nicht entdeckt!

Er ist uns näher, als wir glauben: ein einfacher Mensch, ausgestorben wegen einer gewissen Fortpflanzungsfaulheit, die man auch an den Deutschen heute beobachtet. Zuletzt waren seine Lebensregionen so dünn besiedelt wie heute manche Landstriche Mecklenburgs, man fand da kaum noch zueinander. Andererseits hat er in seiner Zeit manche Klima-Katastrophe überlebt. Der Alte aus Mettmann war ein Deutscher, vorbildlich in seiner Zähigkeit, der Neigung zum einfachen Leben, die wir an uns wieder entdecken sollten, es kommen ja harte Zeiten. Hey, wer fehlt denn da in dieser Inseraten-Kampagne?! Entdecke den Neandertaler in dir! Bekenne dich! Du bist Neandertaler. Du bist Deutschland.

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