Politik : Und was mache ich jetzt? Von Axel Hacke

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Man ist heute nicht weiter überrascht, wenn in der Zeitung steht, James Teh von der Nanyang Technical University in Singapur habe ein Gerät entwickelt, mit dem sich Zärtlichkeiten über das Internet austauschen ließen. Wird nicht alles Mögliche über das Internet ausgetauscht, Grüße, Beschimpfungen, Geld und Waren – warum also nicht Zärtlichkeiten? Herr Teh hat zu diesem Zweck einen elektrodenbesetzten Umhang entwickelt, den der Zärtlichkeiten-Empfänger sich umlegt, während der Sender ein Computermodell des Umhängten mit Hilfe seiner Maus liebkost. Auf dem Weg vom einen zum anderen werden Streicheleinheiten in Zahlenkolonnen verwandelt, die über Datenstränge um die Welt wandern und sich an anderer Stelle in Druck- und Temperatur-Unterschiede verwandeln.

Ist es nicht ein schönes Gefühl zu wissen, dass durch die prosaischen Kabel unter unseren Füßen, ja, durch die Luft um unser Haupt reine Zärtlichkeit schwirrt? Muss das nicht unsere eigene allgemeine Lebensempfindung beeinflussen, die bisher so darunter litt, dass es Börsenkurse und Bombenziele, harte Nachrichten und schlechtes E-MailDeutsch waren, die uns umbrizzelten? Ja … Ja!

Aber interessant: Herr Teh aus Singapur gewann seine Erkenntnis durch eine Art Tierversuch. Erprobte also seinen Zärtlichkeitstauscher zunächst an – es stockt einem der Atem: Hühnern, seinen eigenen Hühnern nämlich, die er nicht mit in sein Büro nehmen durfte und denen er deshalb rote, frottig-weiche Hühner-Umhänge schneiderte. Mit deren Hilfe streichelte er sie vom Schreibtisch aus, was den Hühnern anscheinend sehr gefiel. Dies lesen wir in Zeiten, in denen die Hühnergrippe sich bereits bis Istanbul vorgearbeitet hat und man unseren Zeitungen die Wörter „Mobile Vergasungsanlage“ entnehmen muss. Herrn Tehs Erfindung liegt also in einem Zeit-Trend, der – humangeschichtlich gesehen – Mensch und Geflügel im Rahmen des so genannten Fortschritts einerseits zunehmend separiert, dennoch aber (wie Tehs Beispiel zeigt) im Menschen offenbar nie das Gefühl erlöschen lässt, dem Huhne nah zu sein und ihm Zärtlichkeit zu schenken.

Man bedenke, dass sich einst Zeus in einen Schwan verwandelte, um flügelschlagend zu Ledas Schoß vordringen zu können, wo er gern empfangen wurde. Heute würde Leda schreiend davonlaufen und sich unverzüglich ein Päckchen Tamiflu einverleiben, beim Zeus und allen Göttern! Herr Teh wird unterdessen längst in seinen Computer die Körpermaße seiner geliebten Frau eingegeben haben, welche fern von ihm unter einem flauschigen Cape seiner zarten Sendungen harrt. Möge er nie, von einem schaffensreichen Tag ermüdet, die Modelle von Gattin und Lieblingshuhn verwechseln, während er den Cursor über’n Bildschirm schweifen lässt, um mit seinen Liebkosungen online zu gehen!

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