Politik : Und was mache ich jetzt? Von Axel Hacke

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Hautgout ist französisch und heißt, wörtlich übersetzt, Hochgeschmack, weil ein schöner Hautgout einst bei Tisch höchste Lustgefühle weckte, erzeugt durch Überreife des Fleisches oder sagen wir lieber: den ersten, ungefährlichen Grad von Verwesung, der eintritt, wenn Wildfleisch lange im Fell oder Federkleid abhängt. So was ist heute gar nicht mehr erlaubt, man erträgt schon den Geruch nicht mehr. (Stellen Sie sich mal im Zoo vor den Tigerkäfig, so riecht das.) Und doch, und doch … Da ist jetzt der Wildfleischskandal, überhaupt das ganze Ekelfleischproblem, und an der bulgarischen Grenze hat man 75 Tonnen Rindfleisch sichergestellt, das aus dem Jahr 1984 stammt. 22 Jahre altes Rindfleisch, bläulich verfärbt, für Plowdiw bestimmt.

1984. Das Orwell-Jahr. Mancher Leser war noch nicht geboren, als diese Rinder ihr Leben ließen, und die Rolling Stones waren als Band ihrerseits gerade 22 Jahre alt – heute muss Keith Richards fürchten, auf der Tournee als Gammelfleisch beschlagnahmt zu werden. So vergeht die Zeit.

Man beginnt, über die Fähigkeiten der Fleischbarone zur langfristigen und langfrostigen Aufbewahrung von Fleisch nachzudenken. Das hat etwas von den Balsamierungskünsten der alten Ägypter. Ob es sich wirklich lohnt, Fleisch so lange einzufrieren? Allein die Stromkosten fressen doch jeden Erlös irgendwann auf … Oder macht sich eine Art antiquarischer Fleischhandel breit? Die Menschen werden ja immer älter, das Rentenalter immer höher, warum sollte nicht auch das Interesse an altem Fleisch steigen?

Jedenfalls kommen vielleicht die Zeiten, in denen Altfleischgeschäfte „Zwei Schweinekoteletts, Erstausgabe 1952, vom Schlachter signiert, leicht bestoßen“ anbieten. Oder „Hirschwade, mit Widmung des Jägers an den Tierarzt ‚Meinem lieben Doktor Müller zur Taufe seiner Tochter Philomena 1932‘“. Gebrauchtfleischhändler offerieren „Zwei Kalbsfüße aus Notschlachtung 1962, erste Hand, wenig gelaufen“ oder „Salami 1902, Münchner Jugenstil-Metzger, 1947 vom Fachmann neu eingehäutet, kaum Gebrauchsspuren, altersbedingt gebläut“.

Das werden Jahre sein, in denen Freunde uns vor dem Abendessen an ihre Tiefkühltruhen führen, langsam die Klappe öffnen, damit das enthaltene Fleisch nicht zerfällt, und – mit belegter Stimme sprechend – auf ein Antilopengulasch vom Flohmarkt in Kiew weisen, inklusive lückenlosem Kühlketten-Nachweis und behördlicher Verzehrwarnung aus dem Jahr 1982, „überhaupt in der Ukraine, da bekommst du Sachen …, die wissen ja noch nicht, was das wert ist“. Spezialisten sammeln dann bereits nur noch Fliegenleichen, die man auf längst zersetztem Fleisch gefunden hat. Alles Mögliche wird man mit Fleisch tun, nur essen – essen wird man es nicht mehr, weil es einfach nicht mehr essbar ist.

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