Politik : Und was mache ich jetzt? Von Axel Hacke

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Alles ist kompliziert, aber wenn ich es richtig verstanden habe, hat Friedrich Merz Teile seiner Rede bei der Verleihung des Ordens wider den tierischen Ernst dem Beitrag einer Bielefelder Sekretärin für eine Internet-Seite entnommen. Er selbst sagt, die Vorwürfe seien erstens unberechtigt, zweitens bekomme er viel Zustimmung, drittens habe er Gedanken aus einem Text übernommen, den ihm jemand geschickt habe, viertens habe er gedacht, der Absender habe den Text selbst verfasst, fünftens wisse er nicht, wer der Absender gewesen sei, sechstens sollten „wir alle zusammen“ (Merz) jetzt Humor „aufbringen“ (Merz).

Das muss er nicht zweimal sagen, zumal die Rede so unbeschreiblich witzige Sätze enthielt wie den, arbeitslose Jugendliche nach Asien zu schicken und das Programm „Kinder für Inder“ zu nennen. Wir lassen uns die Freude an Merz von niemandem nehmen, auch nicht von ihm selbst. Merz- Kenner erinnern sich an ein Interview, in dem er von „schulterlangen Haaren“ in seiner Jugendzeit berichtete, und wie er mit dem Motorrad herumraste, und dass sein Stammplatz mit zwei Freunden „die Pommesbude auf dem Marktplatz“ war. In der „Zeit“ erschien dann der Brief eines der Freunde, in dem es hieß, Merz habe nie lange Haare gehabt, kein Motorrad besessen, und auf dem Marktplatz von Brilon, der Heimatstadt, habe es keine Pommesbude gegeben.

In diesem Licht muss man wohl auch die Vorschläge Merz’ sehen, Steuererklärungen auf Bierdeckeln zu verfassen – hat er nie Bierdeckel gesehen? Und erinnern wir uns an seine Vorschläge zur „Leitkultur“! Auch der Begriff stammt nicht von ihm, sondern vom Göttinger Politologen Tibi, bloß hat der ihn anders gemeint und Merz seinen Inhalt ein bisschen, ähem, verändert. Wahrscheinlich hat ihm das Wort damals ein Unbekannter geschickt.

Wir lernen: Erstens ist nicht alles wahr, was Merz sagt. Zweitens stammt es schon gar nicht unbedingt von ihm. Erst neulich hat er sich zum Beispiel beim Grünkohlessen in Sundern „verhalten optimistisch“ zur Lage geäußert, kein Zufall, in seiner Post muss der neue Jahreswirtschaftsbericht der Bundesregierung gelegen haben, der diese originelle Wendung „verhalten optimistisch“ enthielt. Oder: In seinem Buch „Nur wer sich ändert, wird bestehen“ schreibt Merz von „einer Zeit wirtschaftlichen Umbruchs“, ein Zitat, das er nur von der Internet-Seite des Tiroler Bauernbundes haben kann, in der auch von „einer Zeit wirtschaftlichen Umbruchs“ die Rede ist (aber bezogen auf das Jahr 1904, in dem der Bauernbund gegründet wurde).

Was für eine schillernde Type! Merz. Seine wilden Briloner Jahre werden jetzt von Eichinger verfilmt. Lauterbach spielt Merz’ damals ständig besoffenen Zeigefinger. Merz selbst verfasst das Drehbuch, sobald jemand ihm irgendwelche Ideen gemailt hat.

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