Politik : Und was mache ich jetzt? Von Axel Hacke

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Am Montagabend, gleich nach dem „Heute Journal“, beginnt nun der Frühling. Aber wir wollen offen sprechen: Es sieht nicht nach Frühling aus. Kein Krokus, kein Kuckuck, nirgends. Überall liegen abgefrorene Ärsche auf den Straßen herum. Wie lange soll das noch so gehen? Man hatte uns eine Klimakatastrophe versprochen, eine Erhitzung von Wasser und Land, Abschmelzen allen Eises – nun sind die Berge begraben unter Metern von Weißmasse, und die Skifahrer weinen in ihre Brillen, weil sie immer noch fahren müssen, obwohl sie schon lange nicht mehr wollen. Man schaut hinaus in die Frostluft und denkt: Wenn es nie mehr Frühling würde…?

Früher gab es ja auch keinen Frühling. Die Menschen kannten am Anfang nur eine Jahreszeit, die nämlich, die sie am meisten fürchteten, den Winter. Der Rest des Jahres war der Rest des Jahres, bis man ihn irgendwann zum Sommer ernannte, deshalb gibt es im Mittelhochdeutschen nur „winterlanc“ und „sumerlanc“, von „lenzezlanc“ und „herbestlanc“ keine Rede, das kam später, als sich das Leben differenzierte und die Sprache auch. Nun ist das eben wieder vorbei. Jetzt streichen wir den Frühling, und wenn dieser Winter überhaupt je endet, wird er gewiss gleich in einen Sommer übergehen, der in jedem Fall entweder verregnet sein wird oder eine Zeit unerträglicher Hitze, etwas Normales gibt es ja in diesem Land überhaupt nicht mehr, alles ist immer Katastrophe, Desaster, Chaos, also auch der Sommer.

Des Frühlings aber wollen wir uns in der gebotenen Melancholie erinnern. Wenn die Kinder fragen, warum das Hotel, vor dem wir stehen, „Vier Jahreszeiten“ heißt oder wie es kam, dass so viele von ihnen im Dezember Geburtstag haben, dann werden wir von alten Zeiten erzählen, vom Schwellen und Brausen der Natur und von zartest-widersprüchlichen Empfindungen angesichts des erwachenden Lebens, Gefühlen wie dem „Frühlingsbangen“, das Lenau, der längst Vergessene, in seiner Weltschmerz-Lyrik schilderte: „Tiefnacht; doch weht ein süßes Frühlingsbangen / im Wald, ein warmes, seelenvolles Rauschen.“

Man sollte vielleicht ein Frühlings-Museum irgendwo errichten, an zentraler Stelle, nichts Föderales, eine Bundesangelegenheit, mit einem Gedenkstein am Eingang, vor dem die Bundeskanzlerin alljährlich im März in ihrem fliederfarbensten Kostüm einen Frühlingsstrauß niederlegen würde. Und drinnen würde man über Kopfhörer Vivaldi hören und Mörike sowie Uhland. Und dem Dichter, der das schönste Gedicht über Frühlings-Erinnerungen verfasst hätte, würde man das blaue Band verleihen. Und es gäbe einen „Raum der Gefühle“ und einen „Saal der Müdigkeit“. Und im Café würde man bei einem Stückchen Bärlauch-Torte sich darüber austauschen, wie es war, wenn Mutter Frühjahrsputz machte. Und… Ich habe den Winter so satt.

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