Politik : Und was mache ich jetzt? Von Axel Hacke

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Wenige Wörter sind so anpassungsfähig, vielseitig, benutzbar wie das „Volk“. Revolutionäre, Demokraten, Sozialisten, Nazis – alle haben es zu ihren Zwecken gebraucht und mit Lieblingswörtern kombiniert. Volksgenosse, Volksempfänger, Volksempfinden (besonders widerwärtig, wenn „gesund“ davor steht), Volkskammer, Volkspolizei, Volkseigentum. Alles immer: im Namen des Volkes. Oder, ganz harmlos: Volksbelustigung, Volksfest. Volkslied: „Ein jedes Lied, das vom Volke ohne Noten gesungen wird“, sagt der alte Meyer von 1897. Volkszorn! Volksverblödung.

Die älteste Bedeutung von „Volk“, so steht es im „Deutschen Wörterbuch“ der Brüder Grimm, ist die einer „geschlossenen Abteilung von Kriegern“. Eines Heerhaufens. Hans Sachs schrieb über die Tyrannen, „welche auf gott auch nit vertrawen, nur auf die meng ihres volckes schawen“ – und meinte damit eben nicht das Volk, wie wir es meinen, sondern: Soldaten. Von dort aus wurde „Volk“ langsam anders, erst eine Menge von „Leuten“ meinend, dann alle. Zuerst negativ: „Wilch giftig, böse, bitter, falsch lugenhaftig volck die nonnen sind!“, tobte Luther. Dann war „Volk“ die beherrschte Masse. Dann die Revolutionäre. Dann der Souverän. Und vieles mehr.

Volkswagen zum Beispiel. Den haben die Nazis erfunden, aber erst die Demokraten haben ihn wirklich gebaut. Und nennen ihn immer noch so, obwohl: „Phaeton“ – ein Volkswagen? Das Wort hat sich verselbstständigt zum „Begriff“, zur „Marke“ – damit sind wir im schnöden Heute, wo eine „Marke“ das Wunderbarste ist, das man besitzen kann. Weshalb sich die Volkswagen AG alles, was mit „Volks“ beginnt und verkäuflich sein könnte, markenrechtlich hat schützen lassen. Wogegen nun „Bild“ und „Telekom“ gerichtlich vorgehen, weil sie weiter „Volks-Handys“ und „Volks-Zahnbürsten“ unters Volk bringen möchten. Derlei Prozesse gibt es dauernd, ums Telekom-T, das Ampelmännchen oder ein Restaurant namens „cibo matto“, das die Firma Tchibo nicht auf dem Antlitz der Erde dulden mochte.

Wie gesagt, ein anpassungsfähiges Wort. „Volk“ im Kapitalismus bedeutet: Leute, die uns Geld geben sollen. Man braucht kein Volkspark-Stadion in Hamburg mehr, damit ist kein Euro zu verdienen, es gibt keine Firma, die Volksparks verkauft – deshalb heißt der Platz nun „AOL Arena“, bloß, tja, der Volksmund sagt noch „Volkspark“. (Übrigens: In Gotha und Neuruppin gibt es noch Volksparkstadien, weil fürs Umtaufen keiner zahlen will.) Aber der Wolfsburger Bundesligaklub nannte 2002 sein neues Spielgelände „Volkswagen Arena“. Früher hieß es bloß „VfL- Stadion“ – das war in den Zeiten, als Fußball noch Volkssport war. Volkssport … Wem das Wort jetzt wohl gehört? Volkswagen? „Bild“? Der Telekom? Ach, unsere Volkswirtschaft – täglich gibt sie uns neue Rätsel auf.

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