Politik : Und was mache ich jetzt? Von Axel Hacke

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Einer im Wirtschaftsleben gebräuchlichen Redensart zufolge muss jemand, der Pleite geht, „die Hosen herunterlassen“ – eine Sitte, die im Mittelalter tatsächlich verbreitet war, indem nämlich der Zahlungsunfähige auf dem Marktplatz oder gar auf einer Säule den nackten Hintern herzuzeigen hatte und damit erklärte, dass er nichts mehr habe als diesen. Dies wissend, waren Kenner der Wirtschaftsgeschichte (aber nicht nur sie) irritiert, als der Weltfußballverband zum Maskottchen der WM einen Löwen namens Goleo ernannte, der nur mit einem Hemd bekleidet war, das sich nun tatsächlich als sein letztes herausstellte. Denn die Nici AG, welche Goleo herstellt und vertreibt, hat Insolvenz angemeldet. Seitdem steht nicht mehr nur der seltsame (obendrein aller Geschlechtsmerkmale bare) Löwe ohne Hose da, sondern auch leitende Herren der Firma.

Was aber wird aus einer Veranstaltung, deren Maskottchen schon vor Beginn vom Pech verfolgt ist? Sollte Goleo nicht ein Glücksbringer sein? Ist es ein Zufall, dass – kaum hatte der Insolvenzverwalter bei Goleo und den Seinen die Tätigkeit aufgenommen – Nationalverteidiger Lahm sich verletzte? Und dass weniger später Jens Lehmann des Platzes verwiesen wurde? Dass obendrein eine Debatte über Kartenpreise und -verteilung durchs Land fegt wie ein kalter Wind? Im Fußball kann man die üblichen Maskottchen ja in zwei Abteilungen unterscheiden: erstens jene Kommerzwesen, die weniger Glück als Geld bringen sollen: Hier sehen wir auf allerhand Tassen und Taschen Kreaturen wie Bär Berni vom FC Bayern oder das Stuttgarter Krokodil Fritzle. Zweitens haben wir Tiere, die dem Publikum ans Herz gewachsen sind, Kölns Geißbock Hennes vor allem: Seit 1951 walteten schon sieben Hennesse ihres Amtes, wobei der aktuelle Bock nicht den Abstieg des 1. FC verhindern konnte, ein trauriges Kapitel in der Maskottchen-Geschichte. Was macht man mit einem Glücksbringer, der kein Glück bringt? Schlachten und an Olli Kahn verfüttern? Ein einziges Mal erst hat ein Talisman-Tier einem Verein nachweislich Glück gebracht. Das war ein Kiebitz, der beim brasilianischen Klub Gremio Porto Alegre aufs Feld flog, als Gremios Torhüter geschlagen war, ein gegnerischer Spieler schoss – der Ball aber wurde vom flatternden Kiebitz abgefälscht. (Dem Tier passierte außer dem Verlust einiger Federn nichts.) Seither ist der Kiebitz Gremios Wappentier.

Zu Goleo: Falls im Finale Deutschland – Brasilien Ronaldo aufs deutsche Tor laufen sollte, vorbei am hervorstürzenden Herrn Lehmann – in diesem Fall könnte ich mir vorstellen, dass der Insolvenzlöwe sich in die Schussbahn reckt, um Schlimmstes zu verhüten. Vorher möchte ich ihn im Grunde nicht mehr sehen, und (um nicht immer nur von seinem Hintern zu sprechen): Er kann mich mal …

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