Politik : Und was mache ich jetzt? Von Axel Hacke

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Die Hitze. So groß ist sie nun, dass man sich in den Städten bereits hüten muss, auf den Bürgersteigen nicht von glühenden Metalltropfen getroffen zu werden – die Dachrinnen an vielen Häusern des Hochofens „Deutschland“ beginnen zu schmelzen. Auch die Wassertemperaturen steigen, in Nordrhein-Westfalen wurde aus einem Baggersee ein gekochter Schwimmer gezogen. Auf den Straßen quälen sich Autos durch zähen Asphalt wie durch schmatzenden Schlamm; sie fahren auf den Felgen, denn schon vor Tagen hat sich das Reifengummi mit dem Teer der Parkplätze zu einem schwarzen Brei vermischt. Im staubigen Bett des ausgetrockneten Rheins werden Schiffe auf Rädern von Kamelen langsam vorangezogen. Und die Autobahn 1 zwischen Hagen-Nord und dem Westhofener Kreuz hat man sperren müssen, weil der Autoverkehr 20 Zentimeter tiefe Spurrillen in den weichen Fahrbahnbelag gefräst hatte.

Die Hitze. So heiß ist es nun, dass in der flirrenden Luft die Wörter vor den Augen verschwimmen. Spurrillen. Spurillen. Das klingt, auf der mittleren Silbe betont, nach einer der Aprikose verwandten Frucht, marillenähnlich. Man könnte daraus Kompott bereiten und ihn zu Palatschinken verzehren. Oder das Obst zu Spurillen-Likör verarbeiten, nach dessen Genuss man aber weder zwischen Hagen-Nord und dem Westhofener Kreuz noch sonst irgendwo mit dem Auto herumfahren sollte.

Andererseits klingt es interessant, gesprächsweise einfließen zu lassen, man sei gerade von einer Afrika-Reise zurück und habe sich eine Spurillen-Infektion zugezogen, das kommt gleich nach dem Dengue-Fieber. Ist nicht die Spurille ein Parasit, der zunächst die Zunge befällt und von dort direkt ins Hirn zieht? Wo er das Wörterzentrum angreift und uns denken lässt, bei „Coffee to go“ handele es sich um Kaffee aus einer früheren deutschen Kolonie? Mit der Klimaerwärmung aber wandert die Spurille nordwärts. Lebt schon auf Autobahnen.

Die Hitze. Gibt es nicht eine Inselgruppe, die zwischen Japan und Russland so umstritten ist, dass immer wieder Kanonenboote … Die Sporaden? Nein, die sind im Mittelmeer, gelegentlich jedenfalls, daher der Name. Die Spurilen! Und ganz in der Nähe der Spurilen befindet sich der Spurilen-Graben, der ein Tiefseegraben ist und mehr als zehn Kilometer tief. Die Spurilen-Gräben bei Hagen-Nord haben es erst auf zwanzig Zentimeter gebracht, aber das ist sicher nur ein Anfang. Eine Schlucht tut sich mitten in Deutschland auf, sowohl Russland als auch Japan erheben Anspruch darauf, es ist entsetzlich.

Die Hitze macht einen fertig. Neulich sah ich vom Auto aus ein Schild mit dem Hinweis, man verlege hier einen Straßenbelag, der geräuscharm sei. Was denn um alles in der Welt, dachte ich und wischte mir den Schweiß von der Stirn, ist ein Geräuscharm?

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