Politik : Und was mache ich jetzt? Von Axel Hacke

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Manchmal hat man das Gefühl: Es passiert zu viel. Die Nachrichtensendungen quellen über, die Zeitungen bringen das Zeug kaum unter, und man hat noch ein Privatleben. Und einen Beruf. Nehmen wir ein beliebiges Jahr in der Vergangenheit. 1959. Ein Italiener namens Quasimodo erhielt den Literatur-Nobelpreis, man hält das erst mal für einen Scherz, aber es ist die Wahrheit. Doch war es nötig? Musste es wirklich geschehen? 1959. Heinrich Lübke wurde Bundespräsident, das war überflüssig; die Rock’n’Roller Buddy Holly, Ritchie Valens und Paul Richardson kamen bei einem Flugzeugabsturz ums Leben, das war sinnlos; bei einer Vorstellung der Wiener Sängerknaben in Bathurst/Australien bröckelte der Plafond des Konzertsaales wegen der Tonschwingungen, wozu?, wozu? Und Romy Schneider verlobte sich mit Alain Delon. Hätte auch nicht sein müssen.

Schon ein kurzer Rückblick auf ein beliebiges Jahr zeigt also: Einen Großteil der Ereignisse könnte man streichen, sie brachten uns nicht weiter, ihr Stattfinden entbehrte jeden Sinnes, sie machten nur Menschen unglücklich und kosteten Zeitungspapier. Kann jemand auf Anhieb alle deutschen Außenminister seit 1959 hersagen? Alle Tour-de-FranceSieger? Alle Menschen, die ins All flogen? Also. Es passiert zu viel. Weil wir gerade beim Jahr 1959 waren: Auf Kuba gelangte damals einer namens Fidel Castro an die Macht und blieb dort bis vor ein paar Tagen. 47 Jahre. Eine miese Type, ein eitler, verabscheuungswürdiger Diktator mit einer Neigung zu langen Reden …

Egal jetzt mal. Worauf es ankommt, ist: der Beat. Der Rhythmus. Die Entschleunigung. Ereignisreduktion. Zum Beispiel waren die ersten beiden Fußball-Bundestrainer Herberger und Schön zusammen 28 Jahre im Amt und wurden zweimal Welt- und einmal Europameister. Ihre Nachfolger Derwall, Beckenbauer, Vogts, Ribbeck, Völler und Klinsmann waren insgesamt ebenfalls 28 Jahre tätig und wurden einmal Welt- und zweimal Europameister. Verstehen Sie? Man hätte sich ein paar von den Leuten sparen können, etliche Wechsel, viel Aufregung. Der letzte Teamchef, Klinsmann, fühlte sich schon nach zwei Jahren ausgebrannt und leer, das sagt doch alles.

Es passiert zu viel. Was wir wirklich brauchen, das ist: weniger Geschehnisse. Ein wirksames Ereignis-Management. Hier einige Vorschläge: die Tours de France 2007 bis 2011 entfallen. Die hundert nächsten Pressekonferenzen von Ulla Schmidt – weg. Die fünfzig kommenden, zur Veröffentlichung anstehenden Untersuchungen der Auswirkungen von Schnarchen auf die Gesundheit – gestrichen. Diese Mückenschwärme von Nachrichten, man wedelt doch nur noch mit den Armen, um sie zu verjagen, wird der Sachen nicht mehr Herr, wir sind alle überfordert: Schluss! Wir fordern: 47 Jahre Ruhe. Und Freiheit für Kuba.

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