Politik : Und was mache ich jetzt? Von Axel Hacke

-

Das Staunen steht am Beginn der menschlichen Geschichte; wo wären wir, könnten wir uns nicht verwundern? Jahrhundertelang glaubten die Menschen an die Existenz von Einhörnern, zumal in allen möglichen fürstlichen Wunderkabinetten Einhorn-Hörner zur Besichtigung auslagen – bis im späten 17. Jahrhundert Narwal-Zähne so drastisch den Markt überfluteten, dass der Einhorn-Glaube stark zu leiden begann. Das Staunen ist, zuallererst, ein starkes, wunderbares Empfinden, aber es hat für den aufgeklärten Menschen etwas Blödes. „Da staunste, was?“, sagt man, und in der Bemerkung liegen zugleich Herablassendes und der Neid auf den, der noch staunen kann.

Der Schriftsteller Paul Auster hat vor Jahren ein schmales Werk namens „Das rote Notizbuch“ vorgelegt; es enthält 15 Geschichten, die von Zufällen handeln. Das beginnt mit der Tatsache, dass A. in seinem Leben vier Reifenpannen hatte – und immer saß sein Freund J. im Auto. Nach der vierten Panne war die Freundschaft zu Ende, es war, als läge ein Fluch über der Bekanntschaft, beide entfremdeten sich, A. hatte nie wieder eine Panne. Und es führt zu der Geschichte über eine Tschechin, deren Vater im Krieg verschollen war. Sie sah ihn nie wieder, wuchs heran, studierte, wurde Professorin in Paris und lernte einen Ostdeutschen kennen, den sie heiratete.

Eines Tages kam die Nachricht, ihr Schwiegervater sei in Deutschland gestorben. Sie reiste zur Beerdigung – und erfuhr, dass der Vater ihres Mannes in der Tschechoslowakei zur Welt gekommen, durch Kriegswirren in Deutschland gelandet war, kurz, sie begriff, dass sie ihren jüngsten Bruder geheiratet hatte.

Eine wahre Geschichte, beteuert Auster. Warum lesen wir sie so gern? Weil sie uns staunen macht. Weil wir dieses Gefühl des Staunens lieben, dem die Frage aller Fragen folgt: Zufall? Oder nicht? In der „FAZ“ vom vergangenen Mittwoch sah man im Wissenschaftsteil das Foto eines Hundes mit zwei Köpfen. Und betrachtete es mit demselben Gruseln, mit dem man es vor Jahrhunderten als Wunder bestaunt hätte – bis man dem Bildtext entnahm, der zweite Kopf sei dem Hund von Menschen aufgepflanzt worden, das Tier habe 30 Tage so gelebt.

Auf den politischen Seiten derselben Ausgabe aber war von einem Umfrageergebnis zu lesen, dem zufolge 56 Prozent der Deutschen an Wunder glauben, Schutzengel, Gedankenlesen, Prophezeiungen. Noch sechs Jahre zuvor waren es nur halb so viele gewesen. Allein die Veränderung scheint ein Wunder, unerklärlich, aber wichtiger ist dies: Einerseits versucht uns die Naturwissenschaft zu lehren, dass es keine Wunder gibt. Andererseits zeigt uns, am selben Tag, die Umfrageforschung diese schlichte Wahrheit: Ohne das Unbegreifliche mag der Mensch einfach nicht leben.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben