Politik : Und was mache ich jetzt? Von Axel Hacke

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Von allen Zeiteinheiten ist die Viertelstunde die netteste. „Nur ein Viertelstündchen“ stand auf Sofakissen gestickt, als man noch Zeit hatte, sich nach dem Essen hinzulegen. Dass die Vorlesungen an der Universität „cum tempore“ beginnen, ein Viertelstündchen nach der Zeit, haben frisch Immatrikulierte stets als Zeichen genommen, dass sie im akademischen Milieu vom Ernst des Lebens ein Weilchen verschont bleiben. Was wäre der Fußball, fände er nicht im Viertelstundentakt statt? Den ersten drei Viertelstunden folgt eine Viertelstunde Pause, dann drei weitere Quartel, ja, bei Rapid Wien hat das letzte Viertel sogar einen Namen, „Rapidviertelstunde“, zu deren Beginn die Klub-Freunde mit dem Ruf „Hopp- Auf Hütteldorf!“ ihre Elf zum Endspurt fordern. Und was wäre die Welt, geschähe in ihr nicht jeden Tag genau so viel, wie in eine Viertelstunde Tagesschau passt!?

In München gibt es gerade eine nach dem Unglück von Lathen frisch entbrannte Diskussion, ob man zum weit draußen gelegenen Flughafen einen Transrapid oder eine Express-S-Bahn bauen soll, wobei der Unterschied zwischen beiden in einer Viertelstunde Zeitgewinn durch die Magnetbahn liegt. Zeitgewinn? Wer gewinnt Zeit? Wofür? Es stellt sich derzeit heraus, dass man das Geld für diese Viertelstunde anderswo einsparen müsste. Was wiederum bedeutet, dass manche Bahnverbindung zwischen bayerischen Städten weiterhin so lahm bliebe, wie sie ist. Was wiederum bedeutet, dass die Transrapidviertelstunde durch Zeitspenden bayerischer Pendler finanziert würde. Hopp-Auf!

Man erinnert sich an den Friseur Fusi in Michael Endes Roman „Momo“. Dieser Fusi hat die Gewohnheit, „jeden Abend vor dem Schlafengehen eine Viertelstunde am Fenster zu sitzen und über den vergangenen Tag nachzudenken“ – bis eines Tages der Agent Nr. XYQ/ 384/b von der Zeit-Spar-Kasse auftaucht, der ihm dieses Viertelstündchen und noch einige andere abknöpft, mit der Begründung, er solle seine Zeit nicht verschwenden, sondern sparen. Das tut Fusi auch, allein, es macht ihn nicht glücklich, nur immer nervöser und ruheloser, so nervös und ruhelos, wie auch ein Mensch wird, der mit dem Regionalexpress für die 188 Kilometer von Passau nach München geschlagene neun Viertelstunden und mehr benötigt, eine Zeit, in der er von München nach Bukarest fliegen könnte, aber wer will das? Und wo sind all die Viertelstunden deutscher Viertelstundenzahler, die schon für die Entwicklung der Magnetbahn aufgebracht wurden? In China? Was machen die Chinesen damit?

Ende schreibt im Nachwort zu „Momo“, die Geschichte habe ihm ein Unbekannter während einer langen Bahnreise erzählt. Das spricht wenigstens für lange Bahnreisen. Für den Transrapid spricht es auch nicht, aber was spricht schon noch für den Transrapid?

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