Politik : Und was mache ich jetzt? Von Axel Hacke

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Gelegentlich stolpert man beim Zeitunglesen über ein Wort wie man beim Spazierengehen auf einen seltsamen Stein stößt. Man hebt ihn auf, betrachtet ihn, spielt mit ihm in der Hand, wirft ihn nach einer Weile wieder weg. So ging es mir mit der „Störrischkeit“, zu der Edmund Stoiber einen „leichten Hang“ habe, wie Angela Merkel in einer Rede zum 65. Geburtstag des Bayern sagte. Jedenfalls stand es so in der „Welt“. In der „Süddeutschen“ hieß es „Störrigkeit“, was keinen großen Unterschied macht. Oder doch? Man freut sich schon, wenn jemand aus der Politikerkaste ein seltenes Wort benutzt. Sich nicht bloß im Routinesprech ausdrückt.

Störrigkeit. Fontane hat das Wort „storr“ oder „storrig“ gern benutzt, das kam bei ihm aus der märkischen Mundart, „storres, schwarzes Haar; alles häszlich und unheimlich“, so beschreibt er in „Vor dem Sturm“ einen struppigen Hausknecht. Da war „storrig“ etwas Körperliches, und erst im schriftdeutschen „störrig“ oder eben „störrisch“ bezeichnete es eine geistige Eigenschaft: Widerborstig-Unfreundliches, Starrsinniges. Bei Heine gibt es eine schöne Stelle, er beschreibt da den Nordwind an der See: „Und heimlich, mit ächzend gedämpfter Stimme, / Wie’n störriger Griesgram, der gut gelaunt wird, / Schwatzt er ins Wasser hinein.“ Das jetzt auf Stoiber gewendet…? Nein, so hässlich wollen wir nicht sein, heute ist Sonntag, und „Nordwind“ passt nicht auf ihn. („Südwind“ aber auch nicht.)

„Störrig“ sagt ja heute keiner mehr, nur manchmal liest man in Auto- Tests, die Reifen seien „störrig“. Oder Computer-Handwerker beklagen sich über widerspenstige, „störrige“ Kabel. Je länger ich nachdenke, desto mehr glaube ich, Merkel habe „Störrischkeit“ gesagt. Passt besser zu ihr. „Störrisch“ wird weithin nur noch in Kombination mit „Esel“ benutzt, das ging natürlich an einem 65. Geburtstag nicht, auch wenn Esel-Fachleute oft betonen, das Störrische sei ein Zeichen für Intelligenz, Esel dächten halt nach, bevor sie etwas täten.

Wirklich gut hätte etwas von Shakespeare gepasst bei dieser Feier, einige Zeilen aus dem „Julius Cäsar“. Da sagt Cassius zu Brutus: „Ich find in Eurem Blick die Freundlichkeit, / Die Liebe nicht, an die ihr mich gewöhnt. / Zu störrisch und zu fremd begegnet Ihr / Dem Freunde, der Euch liebt.“

Na ja, „Freundin“ hätte sie sagen müssen, aber sonst? „Scharfzüngigkeit“ und „Beharrlichkeit“ habe sie ihm noch attestiert, steht in der „Welt“, und dass ihr etwas „Heiterkeit“ fehle, hat sie auch angemerkt, die Kanzlerin: -keit, -keit, -keit, da ist mir zu viel -keit in der Rede gewesen, auch bei „Störrischkeit“ stört das -keit, es ist eine etwas storre Sprache, die Frau Merkel immer wieder führt, nun ja, und jetzt Schluss, wir werfen das Steinchen weg, Spaziergang ist zu Ende.

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