Politik : Und was mache ich jetzt? Von Axel Hacke

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Dass man etwas erst bemerkt, wenn es nicht mehr da ist: faszinierendes Phänomen! Manche Menschen hören so Radio, dass ihnen erst klar wird, dass sie Radio gehört haben, wenn man das Radio abdreht. Sie haben dem Radio nicht zugehört, sie haben es bloß als beruhigendes Geräusch wahrgenommen wie mancher sich am Strand vom Meeresrauschen einschläfern lässt. Viele Menschen leben auf diese Weise mit anderen Menschen zusammen: Sie kapieren erst, dass da einer war, wenn er weg ist. Überhaupt: Ist nicht das ganze Leben sehr oft so, dass man erst merkt, dass man zu einer bestimmten Zeit zufrieden, vielleicht glücklich war, wenn man es plötzlich nicht mehr ist? Na ja, so ist der Mensch.

Vor einer Woche haben eine Menge Leute erst gemerkt, dass sie „Wetten, dass…“ anschauten, als „Wetten, dass…“ auf einmal nicht mehr lief. Vorher hatten sie vielleicht auf den Schirm geglotzt, ohne anderes zu empfinden als ihr eigenes vegetatives Vorhandensein. Plötzlich war alles anders. Der Strom war ausgefallen, nicht lange, aber doch. Man merkte es daran, dass nicht nur der Fernsehschirm erdunkelte, sondern auch der Kühlschrank keinen Muckser mehr machte. Dass es überhaupt so dunkel war.

Danach, das war eine tolle Woche. Man bekam so viel erklärt. In der „Welt“ war eine Karte abgebildet, auf der man sah, dass wir in Europa eine Art Stromtausch betreiben, also die Deutschen schicken zum Beispiel jährlich 1446 Millionen Kilowattstunden nach Schweden und bekommen 1270 Millionen von dort zurück. Was das soll, ist erst mal unklar; es ist, als tauschten vor einem Fußballspiel die Mannschaften nicht die Vereinswimpel aus, sondern jeder Kapitän gäbe dem anderen das gleiche DFB-Fähnchen, oder sie tauschten davon drei gegen eins. Strom ist doch Strom. Oder wird einmal bei „Wetten, dass…“ einer auftreten der nach längerem Betrachten von zwölf Glühlampen sagt: Diese wird mit schwedischer Wasserenergie betrieben, die mit französischem Atomstrom, jene mit niedersächsischem Wind?

Nein, es hat etwas mit der Gesamtspannung des Netzes zu tun. Kommt zum Beispiel an einem Tag viel Sturmstrom von der Nordsee herein, zieht also ein Stromsturm durch die Leitungen, kann man in einem elsässischen Atomkraftwerk ein paar Kerne weniger spalten. Und umgekehrt. So etwa denke ich mir das. In der FAZ sagte ein Experte, das Stromnetz sei wie ein großer See, bei dem sich Zu- und Abfluss die Waage halten müssten. Schönes Bild. Stromsee. Überall drehen immerzu Ingenieure an Knöpfen, regeln hier, regeln da. Nichts wusste ich von Grenzkuppelstellen, Mittelspannungsnetzen, Regelkapazitäten. Nur 20 Minuten im Jahr sei der Deutsche ohne Strom, sagte der Experte, anderswo sei die Lage schwieriger. Das mag man ja auch: wenn die Lage anderswo schwieriger ist. Wie gesagt, so ist der Mensch.

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