Politik : Und was mache ich jetzt? Von Axel Hacke

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Dem Hamburger Zoll ist, wie er selbst mitgeteilt hat, der „größte Schlag gegen die globale Markenpiraterie“ gelungen. Er beschlagnahmte insgesamt 117 Container mit gefälschten Produkten. Im „FAZ“-Wirtschaftsteil war bis aufs einzelne Paar Sportschuhe aufgelistet, worum es sich handelte: 945 384 Paar plagiierte Nike-Schuhe zum Beispiel und 76 760 gefälschte Uhren, insgesamt 1 293 320 Gegenstände (wenn man ein Paar Sportschuhe mal als einen Gegenstand betrachtet). Meine Frage: Wer hat dies alles so genau gezählt? Wenn man pro Plagiat auch nur eine Sekunde benötigte, so wäre ein Mensch 15 Tage lang ununterbrochen mit Zählen beschäftigt gewesen – eine unglaubliche, nicht genug zu würdigende Leistung des Hamburger Zolls. Oder eines „FAZ“-Redakteurs?

Dennoch kommt einen Schwermut an. Denn, kaum gezählt und verbucht, werden all diese Gegenstände von Caterpillaren zu Bergen geschoben und zu Granulat geschreddert, das allenfalls (im Fall der Sportschuhe) noch beim Bau von Tartanbahnen Verwendung findet, ansonsten nutzlos ist. Millionen von funkelnagelneuen Gegenständen, bestehend aus Rohstoffen und Arbeit, einmal um die halbe Welt gereist mit chinesischen Containerschiffen – weg! Niemand will das haben. Das Rote Kreuz hat genug Klamotten, in der Dritten Welt würde man Märkte zerstören, außerdem müssen Nike, Adidas und Puma geschützt werden. Man versteht das. Das ist das Schlimme. Es ist Wahnsinn, und man versteht ihn. Das könnte bedeuten, dass wir selbst wahnsinnig sind.

Daran kann es auch aus anderen Gründen kaum Zweifel geben. In Schanghai findet ein Tennisturnier statt, bei dem Roger Federer mitspielt, der Schweizer. Bei seinem ersten Training, las ich im Schweizer Magazin „Facts“, sei jeder einzelne Schlag vom Klicken der Foto-Handys begleitet gewesen. In London ist die Queen bei der Premiere des neuen Bond-Films erschienen; kaum sah man sie – stand in der „Süddeutschen“ –, erhob sich „ein Wald von Foto-Handys“. Schließlich: in der „Zeit“ ein Interview mit Hape Kerkeling, der beschreibt, wie er beim Kauf von Unterhosen selbst auf dem Pissoir von Foto-Handy-Besitzern verfolgt wurde, jeden Anstands baren, zur Distanz unfähigen Individuen, die zwischen sich und die Welt eine sirrende, alles kopierende, Intimität raubende Maschine geschoben haben. „Leser-Reporter“, die ihre Ware an eine bestimmte Art von Presse verkaufen oder im Internet veröffentlichen.

Ich fasse zusammen: Ware wird kopiert, verkauft, verschickt, beschlagnahmt, nie verwendet, gezählt, granuliert, vernichtet. Leben wird kopiert, in drahtlosen Netzen verschickt, betrachtet, gescannt, gedruckt, wieder betrachtet – ach, nee, nee! Und in Nairobi haben sie versucht, die Welt zu retten. Es gibt Tage, an denen frage ich mich: warum?

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