Politik : Und was mache ich jetzt? Von Axel Hacke

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Kaum ist die Handball-Weltmeisterschaft vorüber, kaum sind die Wellen des Triumphes verebbt, kaum die Männer um Heiner „Schnubbes“ Brand wieder ernüchtert, schon ereilt uns die Nachricht eines neuen gewaltigen Sport-Erfolges: Deutscher Doppel-Sieg beim Treppenlauf auf das Empire State Building in New York! 1576 Stufen in zehn Minuten und 25 Sekunden: Vorjahressieger Thomas Dold aus Stuttgart auf Platz eins. Hinter ihm, 31 Sekunden später, Matthias Jahn aus Fulda. Dies im Ausland! Was erst wäre möglich gewesen bei einem Start im eigenen Land? Bei einer Treppenlauf-WM in Deutschland: Dold und Jahn emporgepeitscht vom über die Geländer hängenden Publikum, ihre Heldenleistung so fachkundig wie elegant kommentiert von den Treppenkundlern Beckmann und Kerner, ein ganzes Volk im Treppenrausch, Public Viewing in allen Treppenhäusern.

Indes, bevor wie uns allzu sehr in diese Fantasie verstricken, hier die Frage: Wo eigentlich kann die deutsche Sportjugend angemessen den Treppenlauf trainieren? Wo könnte überhaupt in unserer Heimat ein solches Großereignis stattfinden? Auf welchen Treppen? Selbst die höchsten Hochhäuser Frankfurts bieten Mittelstrecke, verglichen mit dem Empire State, und in Berliner Treppenhäusern kann der Interessierte allenfalls Sprint üben. Und doch haben Dold und Jahn es in die obersten Stockwerke der Treppenlauf-Elite geschafft. Man lächelt beim Gedanken an vergangene Heroen, Jan Ullrich und Michael Schumacher auf ihren lächerlichen Treppchen, bestens versorgt mit Trainingsstrecken, Radwegen, Autobahnen.

Umdenken! Mehr Hochhäuser, mehr Treppen! Rückzug aus der Ebene! Orientierung auf die Vertikale! Der bayerische Wirtschaftsminister Huber hat gefordert, die Deutschen dürften „nicht zu einem Volk von Kleinwagenfahrern degradiert werden“. Huber! Die Deutschen sind als Volk von Kleinwagenfahrern groß geworden, nach dem Krieg: Isetta, Lloyd, Messerschmitt-Kabinenroller, Goggomobil und der dreirädrige Kleinlastwagen Tempo Hanseat. Das war die Basis unseres Aufstiegs, nicht die Platz fressende Limousine. Heute sitzen wir fett hinter geheizten Lenkrädern. In viel zu flachen Gebäuden dämmern wir über seltsamen Fragen wie der Auswahl von CSU-Vorsitzenden und Fernsehmoderatorinnen dahin. Betrachten Fußballspieler, die über elend lang gestreckte Felder laufen, statt sich in komprimierten Hallen zu bewegen wie Brands Handmänner.

Die Lehre aus den vergangenen Wochen, die Zukunft: aus kleinen Parkplätzen und einem Meer von Handballhallen emporragende liftlos-steile Öko- Hochhäuser, in denen wir zäh unsere Einkäufe in die obersten Etagen schleppen und voller Freude auf den lieben Ruf warten: „Schatz, bringst du den Müll runter?!“

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