Politik : Und was mache ich jetzt? Von Axel Hacke

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Schon wieder gibt es etwas zu feiern, diesmal: den hundertsten Geburtstag der Zahnpastatube. Im Frühjahr 1907 nämlich begann der Dresdner Apotheker Ottomar Heinsius von Mayenburg im Labor seiner Löwen-Apotheke an einer Verbindung von Zahnpulver und Mundwasser zu arbeiten, er pulverisierte Naturkalkstein, gab ätherische Öle dazu, auch Salze für den Speichelfluss und füllte die entstandene Creme in Tuben. Zwar war er nicht der Erste, der so handelte, denn schon 1850 hatte der amerikanische Zahnarzt Washington Wentworth Sheffield eine Zahnpasta erfunden, und sein Sohn Lucius hatte, inspiriert durch die Metalltuben der Maler, die er bei einem Paris-Aufenthalt kennengelernt hatte, diese Creme in Tuben abgefüllt.

Doch für Deutschland und Europa war Mayenburgs Arbeit eine ungeheure Neuerung, zumal der Mann über erhebliches Geschäftstalent verfügte, seine „Chlorodont“ nach allen Regeln der Kunst vermarktete und am Ende einen Konzern mit eigenen Pfefferminzplantagen in Siebenbürgen leitete. Bedenkt man, dass die Menschen sich zuvor mit Schlämmkreide, ja, zu Römerzeiten gar mit Urin die Zähne putzten, ist zu ermessen, welch Fortschritt mit Mayenburgs Arbeit verbunden war, zumal ein anderer Dresdner, Karl August Lingner, bereits mit einem Mundwasser namens „Odol“ reich geworden war. Interessant nebenbei, dass der einzige Vokal in diesem Produktnamen ein pfefferminzgehauchtes O ist, was?

Die Frage ist: Wird dieser Geburtstag eigentlich angemessen begangen? Eine Ausstellung im Dresdner Hygiene-Museum, nun ja. Wäre nicht auch ein schönes Symposium angebracht, etwa über „Tube und Beziehung“ oder den Beitrag der Zahnpastatube zur Erhöhung der Scheidungsrate im vergangenen Jahrhundert? Wie viele Ehen sind zerbrochen an der Frage, ob man eine Zahnpastatube nach Gebrauch verschließt oder nicht? Ob man eine Metalltube aufwickelt oder nicht. Ob man eine moderne Tube auf ihren Schraubverschluss stellt oder nicht. Ob man getrennte Tuben haben sollte oder nicht. Ob man… Na ja, eben.

All das war in jenen Zeiten, als man Zahncreme in Gläsern aufbewahrte oder sich mit Bimsstein und Weinessig oder gar mit warmem Morgenurin das Gebiss säuberte, noch undenkbar. Andererseits: Die Zahl herzlicher Küsse dürfte sich auch in Grenzen gehalten haben, so dass Ehen wiederum unter ganz anderer Belastung… Nun, das wäre eben das Thema für einen wissenschaftlichen Kongress, mit einem schönen Pasta!-Grußwort und einem extraweißen Wolfslächeln des Exkanzlers.

Hundert Jahre Pasta in Tuben: Wir bräuchten ein Denkmal, in Zahnstein gehauen. Paraden von Soldaten, die statt Gewehren Zahnbürsten präsentieren. Einen Weltrekord im Dauerlächeln für das Guinness-Buch. Ein gemeinsames kraftvolles Zubeißen deutscher Spitzenmanager…

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