Politik : Und was mache ich jetzt?

NAME

Die Körper von Fußballern betreffend, hat es immer wieder seltsame Beobachtungen gegeben. „Pagliuca hatte zehn Hände“, sagte Lothar Matthäus, nachdem er mit einem Elfmeter am Torwart von Sampdoria Genua gescheitert war. „Ihm entgeht nichts, ich glaube, er hat acht Augen“ – so beschrieb Lars Ricken den Dortmunder Trainer Sammer. Nun hören wir vom Nationalspieler Ballack, er könne nicht spielen, „mein Mittelfuß braucht absolute Ruhe“. Sein Mittelfuß?! Hat er denn mehr als zwei? Man stelle sich vor, Martin Walser würde erklären, mit dem nächsten Roman werde es noch eine Weile dauern, er könne kaum schreiben, die mittlere Hand schmerze, außerdem habe er chronische Schmerzen im rechten Kopf…

    Aber die Schriftsteller haben es gut, für sie gibt es keine WM. Auf den Punkt fit sein müssen sie nie. An unseren Fußballern hingegen ist neuerdings eine gewisse Zerbrechlichkeit zu beobachten. Deisler musste nach Hause, auch sein letztes Reserveknie aus dem Ersatzteillager war unbrauchbar geworden. Vorher schieden verletzt aus: Nowotny, Wörns. Und Mehmet Scholl erklärte, ihm sei alles zu viel, er könne nicht nach Japan, alles tue so weh: „Der Körper hat mir Signale gesendet… Du kannst deinen Körper nicht bescheißen.“ Ach, Körper, höret die Signale! Man denkt an die großen Fußballer von einst. An Dieter Hoeneß, der den mächtigen Leib mit blutendem Kopfverband in einen Pokalkampf warf. An Bert Trautmann, den deutschen Torwart von Manchester City, der 1956 seiner Mannschaft im Finale gegen Birmingham mit gebrochenem Halswirbel den Cup rettete. An den Kölner Wolfgang Weber, der sich im Europapokal gegen Liverpool 1965 das Bein verknackste. In der Halbzeit testete er dessen Gebrauchsfähigkeit, indem er von einem Stuhl zu Boden sprang. „Es geht“, sagte er. Nach dem Abpfiff stellte man fest: Das Bein war gebrochen.

So war das. „Ein Lothar Matthäus lässt sich nicht von seinem Körper besiegen. Ein Lothar Matthäus entscheidet selbst über sein Schicksal“, sagte Lothar Matthäus nach einem Achillessehnenriss – und wenn der eine Lothar Matthäus nicht mehr konnte, schickte er eben den anderen. Heute entscheiden die Körper. Der Spieler Heinrich bat um Entlassung aus der Nationalmannschaft: Er fühle sich nicht fit genug, könne nicht helfen. Was für ein mattes, müdes Land! Bald wird der Kanzler bitten, uns in den Ranglisten der Weltwirtschaft nicht mehr zu führen, wir seien so kaputt. Vielleicht wird er sich auch aus dem Wahlkampf zurückziehen: Er spüre, er sei nicht gut genug, wird er sagen, auch Joschka Fischer habe solche Schmerzen in der Lesebrille. Vielleicht sollten wir uns überhaupt alle zusammen mal ‘ne Weile hinlegen, ein, zwei Jahre, Mensch, einfach mal hinlegen, wir Deutschen…

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben