Politik : Und was mache ich jetzt?

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Ach, ist ja interessant, dass es das Wort jubeln noch vor 150 Jahren gar nicht gab. Man sagte: Jubilieren. Oder: Frohlocken. „Strauchelt der gute und fällt der gerechte / dann jubilieren die höllischen mächte“, heißt es in Schillers Macbeth-Übersetzung, und bei Frohlocken fällt uns Ludwig Thomas Geschichte vom Münchner Dienstboten Aloisius ein, der stirbt und in den Himmel kommt, wo ihn die Hausordnung verpflichtet, vormittags auf einer Wolke mit Hilfe einer Harfe zu frohlocken. Darüber gerät der Münchner, zumal es nichts Anständiges zu trinken gibt, in solchen Zorn, dass er schreit: „Hahleluja - Luhja - Luhja sag i - zäfix Hahleluja - Luhja!!!“ Man stelle sich vor, es gäbe das Wort jubeln immer noch nicht. Man müsste anlässlich der Tore des jungen Herrn Miroslav schreiben: „Jubilierend schlug Klose einen Salto.“ Oder bei Jancker-Treffern: „Frohlockend zog sich Jancker sein Trikot vom haarlosen Leib.“ Nein, es ist schön, dass wir das Wort jubeln haben. Es wird ja viel gejubelt dieser Tagen. So eine Fußball-WM ist eine Neuheiten-Messe des Torjubels, sei es, dass Koreas Ahn nach seinem Tor gegen die USA in Eisschnelläufer-Haltung gegen die Niederlage eines Landsmannes bei den Olympischen Spielen protestiert, sei es, dass Nigerias Aghahowa sich mit sieben Flic Flacs und einem Salto feiert. Er sollte vorsichtiger sein: Mitspieler Babayaro brach sich 1998 bei einem Jubelsalto rückwärts ein Bein. (Ist aber egal, Nigeria ist ausgeschieden.) Irgendwie wird die Jubelei alle vier Jahre exaltierter, das wird am Fernsehen liegen. Die Spieler wollen auffallen, tanzen mit Eckfahnen wie einst Kameruns Milla, rutschen über den Rasen wie vor Jahren Klinsmann, küssen Eheringe, küssen Schuhe, ja, letztes Jahr küsste Gallardo vom FC Sevilla seinen Kameraden Reyes anläßlich eines Tores sogar aufs Geschlechtsteil oder jedenfalls auf die Hose. Das gab richtig Ärger mit dem Fußballverband, obwohl der Geküsste es in der Aufregung gar nicht bemerkt hatte: „Ich spürte nur ein leises Zwicken.“ Man denkt an Zeiten, als ein Torjäger einfach in die Luft sprang und die Faust schüttelte wie Emmerich 1966 in England oder später Müller. In Spanien gab es mal einen, Gárate von Athlético Madrid, der jubelte überhaupt nicht, lief ohne jedes Freudezeichen zurück, aus Rücksicht auf den Gegner. Das ist auch übertrieben. Immerhin unterscheidet uns die Fähigkeit zum Jubel von den Tieren. Oder hat jemand je Bären mit erhobenen Tatzen durch den Wald laufen sehen vor Freude? Einen Affen die Säge machen sehen wie früher Kuntz? Überhaupt wollen wir mehr Jubel in unserem Alltag. Auch nach einem guten Artikel kann einen die Chefredaktion mal über den Flur tragen, und warum machst du nach gelungenem Abendessen nicht mal einen Salto, Schatz?

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