Politik : Und was mache ich jetzt?

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Vor einer Weile hat man 2100 Deutsche über ihr Zeitgefühl befragt, mit überraschendem Ergebnis: Mitten in einer sich beschleunigenden Welt, zwischen immer schnelleren Internet-Autobahnen, immer dichteren Termin-Kalendern, immer neuen Rekord-Abfertigungszeiten in den Hamburger-Schnellfressen empfindet die Mehrheit der Bürger, das Leben habe sich verlangsamt. Es gebe weniger Zeitdruck. Man fühle sich entspannter. 1975 klagte jeder dritte Westdeutsche, die Zeit vergehe zu schnell – nun ist es nicht mal mehr jeder Fünfte. 1995 wünschten 28 Prozent der Ostdeutschen, die Uhren möchten langsamer ticken, nun sind es nur 21 Prozent. Kann es eine andere Erklärung geben als: Die Zeit in Deutschland läuft wirklich langsamer? Was anderswo einen Tag dauert, braucht hier anderthalb? Wenn wir dem Gedanken bitte einen Moment nachhängen wollen...

Es muss ja eine Erklärung dafür geben, dass vieles hier so lange dauert. Zum Beispiel beklagt der Kandidat Stoiber, hier benötige jemand 27 Tage für anfallende bürokratische Prozesse, um sich selbstständig zu machen; anderswo in Europa sei das in drei Tagen erledigt. Gleichzeitig braucht S. selbst Monate, um sein Kompetenzteam aufzustellen, alle paar Wochen kommt einer dazu, zähe Sache. Man bedenke auch die Dauer von Steuerreformen, die Verspätungen der Bahn, die abnehmende Geschwindigkeit der Post. Vor Jahren hat Jan Ullrich die Tour de France gewonnen, jetzt startet er nicht mal mehr. Der Kanzler braucht weitere vier Jahre, um Versprechungen einzulösen. Die Konjunktur-Erholung: Deutschland Schlusslicht! Wir leben in Zeitlupenland, in einer Kaugummizeit. In Frankreich soll schon Juli sein, in Amerika bereits 2003.

Bei uns gehen also die Uhren anders. Wir werden immer langsamer. Warum? Vielleicht ernähren wir uns falsch. Auf jeden Fall werden wir anderen Ländern bald um Jahre, Jahrzehnte hinterherhängen. Andererseits bleibt man in Deutschland deshalb länger jung. Viele Amerikaner, Franzosen, Schweden werden hier leben wollen, um später zu sterben, am liebsten dort, wo die Zeit am langsamsten vergeht, im Hunsrück vielleicht oder bei Kassel. Wer sich Deutschland nähert, dessen Atmung verlangsamt sich. Sein Puls lässt nach. Seine Gestik wird pomadig. Gedanken kriechen zäh durchs Hirn. Man lächelt jemandem zu, er lächelt erst nach Jahren zurück. Andererseits verfallen Deutsche, die ihr Land verlassen, binnen Stunden. Und alles wird immer noch langsamer. Deutsche Frösche schweben stundenlang überm Gras bei einem Hupf, Möllemann hängt viele Tage am Fallschirm. Eines Tages werden wir mitten in einer Bewegung erstarren. Das Land: ein Museum angefangener Tätigkeiten, alle Menschen stecken geblieben in einem Kuss, einem Winken, einer Gebärde, einem Artik...

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