Politik : Und was mache ich jetzt?

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Wir machen jetzt ein Spiel, bitte: Jeder schreibt zehn Verben auf, die ihm zu Brasilien einfallen, ja? Also: tricksen, tanzen, tänzeln, austanzen, dribbeln, stürmen, spielen, zaubern, schlenzen, lupfen. So. Nun zehn Verben zu Deutschland: Schwitzen, ächzen, stöhnen, grätschen, kämpfen, zerstören, verteidigen, ackern, rennen, rackern. Das hätten wir auch. Nun stellen wir uns vor, wir würden die beiden Listen (aber ohne Nennung der Länder!) der Welt in einer Umfrage vorlegen und fragen, welche Liste besser ist. Logisch: Alle wären für Liste Nr. 1, denn wer liebt nicht das Tanzen und Zaubern, das Tricksen und Dribbeln? Was heißt das? Es heißt: Die ganze Welt ist für Brasilien.

Ist es nicht schrecklich? Alle sind gegen uns. Keiner liebt Deutschland. Nicht mal wir selbst lieben uns richtig, es ist furchtbar, wir mögen ja das Leichte und Geschmeidige auch. Aber wir beherrschen es nicht, wir kriegen es nicht hin, liebe Welt, unsere Füße sind zu eckig, unsere Schädel zu kantig, was sollen wir machen? „Der Deutsche kann keinen brillanten Fußball spielen“, sprach einmal Franz Beckenbauer. „Das ist ein Ausfluss seines Grundcharakters.“ Bäh, Ausfluss! „Schönes Spiel existiert für mich nicht“, hat Dietmar Hamann gesagt. Wie wir schon heißen! Nicht Rrronallldooo, Rrronallldinnnjooo, Rrrivallldooo. Sondern: Kahn, Linke, Frings. Mätzäldärrr! Ach. Im Märchen vom Wolf und den sieben Geißlein legt der Wolf seine mehlbestäubten Pfoten ins Fenster und spricht mit heller Kreidestimme, um die Geißlein zu täuschen, und sie lassen sich auch täuschen. Aber wenn wir das gleiche machten, würde die Welt bloß rufen: Haha, du bist der böse Ollikahn mit den großen weißen Handschuhen und der hellen Stimme, der zum Frühstück sechs Lederbälle und drei Mittelstürmer frisst. Wir lassen dich nicht rein, du lässt ja auch nie einen rein!

Alle sind immer gegen uns. Sogar wir selbst sind gegen uns. „Rumpelfußball“, hat Beckenbauer die deutsche Spielweise mal genannt. Seitdem liest man dauernd von Rudis Rumpelfüßlern oder Tante Käthes Rumpelfüßchenbrigade. Dabei ist rumpeln so’n nettes Wort, eigentlich das elfte Verb für unsere Liste. Es klingt ungelenk und fast gebrechlich, auch reimt es sich auf pumpeln und kumpeln. Hatten wir nicht mal einen Stürmer ns Rumpelnigge? Altes deutsches Liedgut fällt einem ein: „Das Rumpeln ist des Müllers Lust…“ Und Luther: „Warum rülpset und rumpelt ihr nicht…?“ Siehst du, liebe Welt, wir können richtig niedlich sein, wir Deutschen, und daran musst du ganz fest denken, wenn wir heute Weltmeister werden, nicht wahr? Wir müssen es tun, kommen nicht dagegen an, können nur ächzen und gewinnen, jeder nach seiner Natur. In vier Jahren gibt es neue Chancen für alle, da ist wieder WM. In Deutschland.

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