Politik : Und was mache ich jetzt?

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Siebzig Mal schlafen, dann ist Wahl. Immer schwerer wird es, den Kandidaten zu entgehen, sie wachsen plötzlich aus dem Boden, in Fußgängerzonen und vor Strandkörben, im Gesicht ein grob geschnitztes Lächeln, in der Hand ein Fähnchen, auf den Lippen zartes Bitten: Wähl’ mich, kleiner Wahlberechtigter! Kreuz mich an, süße Bürgerin! Neulich fand sich Doktor Edmund Stoiber in einem Nachtlokal wieder, voller Angst eine Pilsflasche umklammernd, Anni Friesinger samt Riesenzickenbusen neben sich. Anni fragte: „Was machen Sie eigentlich hier?“ Und Doktor Edmund wusste nicht wirklich, was er hier machte. Er hatte nie in einem Nachtlokal sein wollen und war es nie gewesen, außer mit FJS damals.

Aber es ist Wahlkampf, man tut Dinge … Man kennt sich selbst nicht mehr und wird sich fremd.

Der „Verband der Redenschreiber deutscher Sprache“ hat alle Reden der Spitzenpolitiker auf den Wahlparteitagen bewertet. Ganz schlecht: Doktor Edmund, der während des Schlussapplauses „ziellos“ auf der Bühne umhergeirrt sei, ja, sich im Scheinwerferlicht „die Haare gekämmt“ habe.

In Moskau, erzählt Stoiber, habe Putin gesagt: „Wir werden uns ja wiedersehen.“ Sicher hat S. noch den ganzen Tag überlegt, was das bedeuten könne, wie nach einem Rendezvous mit einem Mädchen: Wir werden uns ja wiedersehen – seufz. Deutsches Volk, mach, dass ich ihn wiedersehe! Hingegen: Schröder. Erster Platz, sagen die Redenschreiber.

Allenfalls das „leicht rosé schimmernde Hemd“ habe während der Parteitagsrede sein Macher-Image konterkariert, kleiner Fehler von Doris, aber sonst? Schröder hat die Finger überall. Fußball-WM? Artikel von Rudi Schröder dazu in der FAZ: „… dass der 8:0-Auftaktsieg gegen Saudi-Arabien am Tag unseres SPD-Wahlparteitags zelebriert wurde.“ Hermann Hesse wird 125? Steppenwolf Schröders Meinung dazu im Kulturteil: „Mir gefällt noch heute die Vielschichtigkeit dieser spannenden Suche nach sich selbst.“ Post-Porto zu hoch? Schröder senkt’s, mag Zumwinkel toben und heulen. Telekom-Aktienkurs zu niedrig? Liebling Schröder lässt ihn steigen. Sommer war ein Freund, aber die Wahlen sind im Herbst. Man bekommt Angst: Er weiß viel, er kann viel.

Was ist, wenn er plötzlich was gegen mich hat? Wenn ich ihm im Weg bin? Wenn er anruft: „Ich habe doch erklärt, die Konsumquote muss steigen, ,Kauft Leute!‘, habe ich gesagt – aber Sie… Sie sparen ja noch immer, Mann!“ Wenn er mich bedroht, mich fallen lässt. Er ist so rücksichtslos und so gemein. Ron hat viele Freunde, Ron hat Geld, Ron kann kämpfen. So ein Sommer macht nicht gleich die Schwalbe. Aber unsereiner? Würde gleich einknicken. Einfach gehen.

Siebzig mal schlafen. Bloß nicht auffallen.

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