Politik : Und was mache ich jetzt?

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Von Axel Hacke

Hunzinger, Hunzinger, von dem hatte man vor zwei Wochen auch noch nichts gewusst. Hunziker, ja, Michelle, die war mit Eros Ramazzotti zusammen, und Munzinger, das ist dieses Personen-Archiv, aber Hunzinger… nein. Und nun wissen wir, dass er für Scharping Socken kaufte, dass er Geld zu fünfeinhalb Prozent verleiht, wenn er jemanden mag, dass er ein Networker ist, und dass man von Aktien seiner Firma besser die Finger gelassen hat – aber das gilt ja für alle Aktien momentan. Hunzinger. In der FAZ fand sich dieser Tage ein Artikel über einen Abend mit ihm. Der Reporter berichtete, er habe H. gefragt, wie viele Frankfurter er kenne. Die Reaktion: „Er stößt eine Art Schrei aus, ruft, das sei eine gute Frage, springt an den Computer, wiederholt, dies sei eine wirklich gute Frage und hat das Ergebnis in Sekundenschnelle: 9780.“

9780 Frankfurter! So viele Leute kennt unsereiner nicht mal insgesamt, geschweige denn in Frankfurt. Mal sehen: Bernd Hölzenbein, Petra Roth, dann die Dings, die Katja, aber wohnt die nicht in Hanau…? Das war’s. Der Mann kann praktisch nicht mehr vor die Tür gehen, er kommt aus dem Guten-Tag-Sagen nicht heraus. 9780, das sind anderthalb Prozent aller Frankfurter, und wenn Hunzinger diese Quote auch für ganz Deutschland schafft, kennt er 1.123.000 Deutsche. Und er ist erst 43. Und er war noch nie in China. Man wünscht sich, das Telefonbuchhafte seines Wesens möge eines Tages bei „Wetten, dass…“ zur Geltung kommen, wo er mit einer großen Menge von Frankfurtern konfrontiert werden müsste. Von denen würde er dann jeden zweiten erkennen, und jedem Dritten hätte er schon mal eine Zweithose gekauft.

Zweifellos ist Hunzinger der größte lebende Menschenkenner. Schon jetzt nennt man seinen n in einem Atemzug mit denen von Gedächtnisgrößen wie dem Dänen Jan Formann, der es vor zwei Jahren schaffte, die Reihenfolge von 93 wahllos an- und wieder ausgeschalteten Glühbirnen nach nur einer Minute Bedenkzeit herzusagen. So steht es im Guiness-Buch, neben den Weltrekordlern anderer Klassen, Rob Williams zum Beispiel, der ein Sandwich mit Hackfleisch, Käse und Salat in einer Minute und 57 Sekunden zubereitete, nur mit den Füßen. Große Männer. Männer, die wir nie vergessen. Es wird der Tag kommen, an dem wir alle wissen: Hunzinger, das ist der Mann, der mehr Menschen kennt, als er nicht kennt. Hunzinger, der auch uns half, Menschen so kennen zu lernen, wie wir sie bisher nicht kannten, Herrn Özdemir etwa, und auch Herrn Scharping noch mal in seiner ganzen, einsam ragenden, unvergesslichen Seltsamkeit. Wie heißt es in Schillers Wallenstein? „Was man nicht alles für Leute kennt, / Und wie die Zeit von dannen rennt. / Was werd ich noch alles erleben müssen!“

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