Politik : Und was mache ich jetzt?

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Von Axel Hacke

Früher wurde der Kanzler vom Bundestag gewählt, der Bundestag von uns. Irgendwie versteht man nicht, warum das nun anders sein soll. Wieso entscheiden Fernseh-Duelle über die Kanzler-Frage? Wozu wählen wir dann Abgeordnete? Genau so gut könnte man die Aspiranten um die Wette schwimmen lassen oder Schach spielen. Schach?! Die Vorbereitung der Fernsehsache, die detaillierten Verhandlungen über Kohlensäure-Gehalt des Mineralwassers und Farbe der Studiowände, die Klärung der Sprechzeiten auf die Sekunde – erinnert es nicht an den Kampf um die Schach-WM zwischen Fischer und Spasskij 1972 in Reykjavik? Damals wurde monatelang über das Material verhandelt, aus dem das Schachbrett zu fertigen sei, über Größe der Felder, Höhe der Figuren. Kaum war das geklärt, forderte Fischer, im Publikum dürften keine Bonbons gelutscht werden, die in knisterndes Papier gewickelt seien. Er verlangte, den Inhaber der Filmrechte aus Island zu deportieren. Er forderte einen überdachten Tennisplatz.

Dagegen nimmt sich unser Fernseh-Duell harmlos aus. Aber wer weiß, was kommt? Von Schachmeistern könnten die beiden Kandidaten allerhand Gemeinheiten lernen, um einen Gegner fertig zu machen. Wie wäre es, Schröder zündete sich im Gespräch eine extrem billige, stinkende Zigarre an, um Stoiber deren Rauch ins Gesicht zu blasen – wie es Emanuel Lasker 1924 mit einem Kontrahenten tat? Schröder könnte auch (ebenfalls ein Trick Laskers) immer wieder mitten in einem Stoiber-Satz aufspringen und das Publikum um Ruhe bitten – obwohl niemand ein Sterbenswörtchen gesagt hat.

Dem Stoiber sähe es ähnlich, er würde bei Betreten des Raums die Hacken zusammen schlagen und rufen: „Für Sie, Herr Schröder, habe ich nur drei Worte: Schach und Matt.“ Und wieder gehen. So handelte der Deutsche Siegbert Tarrasch, als er 1908 vor seinem WM-Kampf Gegner Lasker zum Kennenlernen treffen sollte. Das Match verlor er und machte dafür die Seeluft verantwortlich, die er schlecht vertrage – der Kampf fand in Düsseldorf statt. Überlegte nicht Louis Paulsen einmal 75 Minuten lang, ob er ein Damenopfer annehmen sollte? Richtig, sein Gegner Morphy begann zu weinen. Benjamin Franklin, der amerikanische Staatsmann, war auch Schach-Schriftsteller und legte 1779 eine Liste mit verbotenen Tricks an, die einen Gegner besonders irritieren könnten, darunter leises Schmatzen, Rülpsen und – besonders wirkungsvoll – Nasebohren. Franklin sah jedoch im Schach einen Quell sittlicher Bildung, erziehend zu Vorsicht, Vorsorge, Umsicht – gute Eigenschaften für einen Kanzler. Wenn die beiden doch eine Partie…? Fischer beschwerte sich 1972, die Fernsehkameras surrten unerträglich laut – sie müssten weg. Das wäre natürlich heute abend sehr witzig, wenn…

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