Politik : Und was mache ich jetzt?

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Von Axel Hacke

Grundkurs Vorbereitung zur Wahl (I): Wie bilde ich mir eine Meinung?

Oft hört man während des Wahlkampfes das Wort „Meinung", ja, es ist vom Meinungskampf die Rede. Leser fragen: Muss ich, um wählen zu können, eine Meinung haben? Was ist das: Meinung? Wie bekomme ich eine solche? Wo? Um dem Informationsbedürfnis zu entsprechen, widmen wir dem Begriff die erste Folge dieses Grundkurses: Wie alle Säugetiere wird der Mensch meinungslos geboren. Er äußert nur Bedürfnisse (Hunger, Durst), keine Meinungen. Erst beim Heranwachsen formt sich im Haupthirn das sog. Meinungszentrum, in dem sich frühe Ansichten finden wie „Ich liebe Ketchup“. Später entwickeln sich differenziertere Positionen, etwa: „Das eine oder andere Hartz-Modul hat positive Aspekte.“

Immer aber muss man solche Meinungen erst bilden, sie sind nie einfach vorhanden. Wie geht das? Ganz einfach: Setzen Sie sich! Lesen Sie die beste meinungsbildende Tageszeitung, die Sie kriegen können …, ah, das tun Sie ja schon! Bald werden Sie zwischen den Ohren ein seltsam-schönes Sausen und Brausen spüren. Man nennt das: „Denken“. Hören Sie nicht auf zu lesen! Es kann sein, dass sie nach Minuten schon die erste Meinung äußern. Wenn Sie letzthin viel ferngesehen haben, dauert es sicher länger.

Es gibt übrigens Bürger, die mit wenigen Meinungen durchs Leben kommen, ja, Johann Gottfried Seume schrieb: „Die meisten Menschen haben überhaupt keine Meinung, viel weniger eine eigene, viel weniger eine geprüfte, viel weniger vernünftige Grundsätze.“ Niemand muss sich also, wenn er an Meinungsarmut (medizinisch: opinionum paupertas) leidet, Sorgen um die Gesundheit machen. Bei Untersuchungen in Max-Planck-Instituten hat man festgestellt: Das Meinungszentrum ist bei Politikern größer als bei anderen Menschen. Meinung ist ja für den Politiker, was für den Bergsteiger Seil und Haken sind – er braucht sie für den Aufstieg. Spitzenpolitiker kommen leicht auf einige tausend Meinungen. Kanzler Schröder verfügt stets über mehrere Meinungen, die er virtuos wechselt. Kandidat Stoiber hat sogar zum Kläranlagenbau in entlegenen bayerischen Gemeinden eine solche Vielzahl detallierter Meinungen, dass er sich ihrer selbst nicht immer erinnert. Er äußert seit einiger Zeit keine Meinung mehr, um Wähler nicht zu verwirren. Für die Zeit nach der Wahl werden seine Ansichten aber im Bayerischen Meinungsarchiv (München) in klimatisierten Räumen aufbewahrt. Keine Berufsgruppe – außer Leitartiklern und Pfarrern – erreicht solche Höchstleistungen. Allein, um etwas dazuzulernen, sollten wir uns das Wahl-Spektakel nicht entgehen lassen.

Nächsten Sonntag: Wie finde ich den richtigen Kandidaten?

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