Politik : Und was mache ich jetzt?

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Von Axel Hacke

Auch in der ornithologischen Fachpresse wurde Anfang des Jahres weithin beachtet, dass Renate Künast Joschka Fischer zum „Leitganter“ der Grünen ernannte. Einerseits erschien dies aus vogelkundlicher Sicht passend, weil Graugänse während ihres Formationsfluges permanent laut rufen („Ahngang-ang“ oder „Gagagag“), eine klare Analogie zu den nie endenden Diskussionen der Grünen. Andererseits musste rein fachlich darauf aufmerksam gemacht werden, dass bei Zugvögeln der Leitvogel immerzu gewechselt wird, weil ein einzelnes Tier den Anstrengungen dauerhaften Voranfluges nicht gewachsen wäre. Unter Gänsen gilt das gute alte Rotationsprinzip, demzufolge Fischer nun eine Weile die Hinterbänke des Parlaments zu drücken hätte, erholungshalber. War Künasts Plädoyer für eine Leitganter-Kultur in Wahrheit eine Art vergifteten Lobs? Eine verdeckte Aufforderung an den Außenminister, ins Glied zurückzutreten?

Man hätte die Sache vergessen, hätte jetzt nicht Fischer selbst, aktuelle Personaldebatten betreffend, eine „alte Weisheit“ zitiert: „Frühe Vögel, die aus dem Nest fallen, holt die Katze.“ Hmmmm… Dies ist in der Tat eine so alte Weisheit, dass außer Fischer keiner sie mehr kennt. Bekannt ist der Satz: „Der frühe Vogel frisst den Wurm“, wonach das Leben für den Frühaufsteher (engl.: early bird) die besten Happen parat hält. Aber: Frühe Vögel? Die aus dem Nest fallen? Holt die Katze? Warum fallen frühe Vögel aus dem Nest? Weil sie schlaftrunken sind? Weil sie fette Würmer in ihren Mägen haben und deshalb das Gleichgewicht verlieren? Können Vögel überhaupt fallen – beginnen sie nicht unterwegs zu fliegen? Oder meint Fischer den Vogel als Frühgeburt, gerade geschlüpft, blind, flugunfähig über den Nestrand katzenwärts stürzend?

Was ist überhaupt ein „früher Vogel“? Welcher Vogel ist als erster wach? Hahn? Ganter? Eule? Von Iwan Turgenjew gibt es eine Miniatur über die Drossel, welche den Schlaflosen, bittere Gedanken Wälzenden, unglücklich Verliebten nachts um Viertel vor drei mit perlendem, tirilierendem Gesang erfreut. Ja: erfreut. Denn der Dichter hört im Gesang des Vögleins die Frische der Natur, die Kraft der Ewigkeit. Gern erinnern wir uns auch einer Geschichte von Walter Muschg, in der er früh um vier geweckt wird von einem „süßen, leisen, körperlosen Ton, als spräche eine Seele zu sich selbst. Es ist die Stimme des ersten Vogels…“ Unser Außenminister aber mag frühe Vögel nicht. Er wünscht ihnen den Sturz ins Maul eines vorbeijoggenden Katers, welcher in grauer Frühe lebensfrohen Vogeljubel mit malmenden Kiefern erstickt. Wie traurig, dass ein Grüner so spricht. Ein Leitganter. Wen meint er eigentlich mit der Katze? Frau Merkel? Die alles auffressende Grausamkeit des politischen Lebens? Sich selbst? Ach.

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