Politik : Und was mache ich jetzt?

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Von Axel Hacke

Mein Physiklehrer war zwei Meter groß, dick wie ein Fass, und sein rechter Mittelfinger war steif, Folge eines Hornissenstiches, wie es hieß. Wenn er unterrichtete, verstand ich nichts. Vielmehr setzte in meinem Kopf ein beständiges Rauschen ein, und Mattigkeit bemächtigte sich meiner. Ich starrte kraftlos auf den steil aufgerichteten Lehrerfinger: War es nicht, als zeige mir die Physik verächtlich den Effenberg? Beinahe wäre ich ihretwegen ja durchs Abitur gefallen, und mancher wird verstehen, dass ich dieser Wissenschaft deshalb böse bin, bis heute, da ich in der Zeit lese, die Physik sei in der Krise. Wie schön! Endlich geht es der Physik an den Kragen, nicht mir. Und warum? Es gibt den Fall der Brüder Bogdanov, zweier französischer Physiker und Journalisten, welche behaupten, zum erstenmal die Zeit vor dem Urknall beschreiben zu können. Sie gaben ihre Erkenntnisse in Fachblättern bekannt, in denen von der „raumzeitlichen Metrik auf der PlanckSkala“ die Rede war und davon, dass die „natürliche Struktur des q-Minkowski- und des q-Riemann-Raumes durch Semidualität verbunden“ seien. (Aaaah, das Rauschen! Der Finger!)

Nun aber stellte sich heraus, dass die Artikel kompletter Unsinn waren. Warum aber wurden sie gedruckt? Warum passierten sie Gutachtergremien, besetzt mit Professoren? Warum bekamen die Bogdanovs Doktortitel? Warum konnte, anderer Fall, der deutsche Physiker Jan Hendrik Schön jahrelang gefälschte Aufsätze publizieren, wie kürzlich bekannt wurde? Weil offensichtlich die Physik an ihre Grenzen gestoßen ist. „Der typische Physiker“, steht in der Zeit, „kommt morgens in sein Büro, und der Computer meldet ihm, dass in seinem Fachgebiet 50 neue Artikel erschienen sind – da kann kein Mensch alles lesen.“ Stattdessen rauscht es im Physikerschädel, und auf dem Bildschirm erscheint ein großer steifer Finger.

So weit sind wir: Nicht einmal mehr die Physiker selbst verstehen die Physik! Um zum Beispiel die Theorie zu beweisen, wonach die kleinsten Bauelemente des Kosmos winzige schwingende Saiten aus reiner Energie sind, müsste man einen Teilchenbeschleuniger von der Größe der Milchstraße bauen. Das geht nicht. Deshalb ergrübeln die Physiker neue Theorien, die sie auch nicht beweisen können. Es soll Wissenschaftler geben, die nur einem Dutzend anderer Menschen erklären können, woran sie forschen. Gibt es am Ende schon jenen Professor, der mit niemandem mehr auf der Welt über seine Arbeit sprechen kann? Der nicht einmal selbst versteht, was er tut? Und übrigens: Dass die Welt aus winzigen schwingenden Saiten besteht – ist das nicht ein sehr poetischer Einfall? Könnte es sein, dass die Physik längst die Grenze zur Dichtung überschritten hat? Dass sie, hey!, dass sie mich plötzlich doch noch interessieren könnte?

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