Politik : Und was mache ich jetzt?

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Von Axel Hacke

Manchmal stellt man sich nun vor, wie es wäre, die anderen hätten die Wahl gewonnen, Stoiber und die FDP. Sie hätten eine Mehrheit von, sagen wir, vier Stimmen. Eine davon würde Möllemann gehören, den Freunde aus der eigenen Partei einen „Quartalsirren“ nennen und gegen den der Staatsanwalt ermittelt. Auch wäre Außenminister Westerwelle seit Amtsantritt mehr mit der Schwerstkrise der FDP beschäftigt als mit dem neuen Amt. Und der Kanzler Stoiber? Müsste schön langsam seine teuren Wahlversprechen einsammeln, es sei denn, er würde das Wirtschaftswachstum per Gesetz auf fünf Prozent erhöhen, aber das soll nicht ganz einfach sein. Also, richtig schön wäre es mit so einer Regierung auch nicht, was? Aber es ist ja anders gekommen, wir haben diesen müden, matten Schröder, den man am liebsten in Urlaub schicken würde: „Schlafen Sie sich aus, Mann, gehen Sie mit Ihrer Frau spazieren, treiben Sie Sport. In drei Wochen sehen wir uns wieder.“

Das geht natürlich nicht. Man stelle sich vor, Schröder ginge in Ferien: Deutschland würde total durchdrehen. Schon jetzt ist das Land ja mental in einem Zustand… Von Seite 1 der „Bild“ blickten diese Woche 52 besorgte Gesichter, daneben stand: „Kanzler, uns reicht‘s!“ Wahrscheinlich hätte man so eine Seite seit Gründung von „Bild“ jeden Tag machen können: 52 Deutsche, denen es reicht, finden sich ja immer. Aber dann wäre kein Platz gewesen für Dieter Bohlen, und das wäre auch irgendwie schade gewesen, vor allem für Bohlen natürlich. Warum reicht es den 52? Schülerin Kathrin (18) aus Hamburg: „Man sieht ja jetzt, was man von den Politikern hat. Ich brauche Rückenmassagen, aber die Kasse will nicht zahlen.“ Ist es das, was der Historiker Arnulf Baring meint, wenn er schreibt: „Die Situation ist reif für einen Aufstand gegen das erstarrte Parteiensystem. Ein massenhafter Steuerboykott, passiver und aktiver Widerstand, empörte Revolten liegen in der Luft.“ Also: „Sire, geben Sie Rückenmassagen!“ Oder aber: „Bürger, hört, ich sag euch was: Nieder mit dem Ischias!“ Ist es das?

Muss wohl. Der CSU-Generalsekretär Goppel vergleicht die Lage mit 1933 und die SPD-Wähler mit denen der NSDAP. Ein FAZ-Herausgeber schreibt: „Die Revolution, die jetzt not tut, fordert vom Land ein zweites 1989.“ Und Lafontaine erklärt Schröder zur Wiedergeburt von Brüning. Darf man daran erinnern, dass wir eine demokratische Wahl hatten? Dass es gute und schlechte Verlierer gibt? Dass 1989 eine Diktatur gestürzt wurde? Dass Lafontaine ein in beispielloser Weise vor der Verantwortung aus dem Amt geflüchteter Ex-Minister ist? Dass dieses Land zwar Riesenprobleme hat, aber dass sie nicht von Hysterikern bewältigt werden? Darf man auf all das kurz aufmerksam machen, ja? Danke, hiermit geschehen.

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