Politik : Und was mache ich jetzt?

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Von Axel Hacke

Als im Juni 2000 die letzte Sequenz des menschlichen Genoms entschlüsselt worden war, fand man sechs Seiten der FAZ bedeckt mit dessen Datensatz: GAGGAT GTGGAG AAATAG GAACAC … Nun hat man das Erbgut der Maus entziffert und im Internet veröffentlicht. Man hätte sich gewünscht, dass auch in diesem Fall eine Zeitung die Sensation dokumentiert hätte. Oder dass wenigstens im neuesten MickyMaus-Heft was zu sehen gewesen wäre. Könnte nicht die „Sendung mit der Maus“…? Nein, schade. Wie gerne hätten wir gelesen: MAAUUS UAMMSS SAUMAU MAUMAS…

Warum enthält man uns das vor? Es ist so: Man hätte weitgehend den Text von damals noch mal drucken müssen. Denn zu 99 Prozent sind die Gene von Mäusen und Menschen identisch. Ja, im Menschen findet sich sogar ein Gen, das zur Bildung eines Schwanzes am Rücken führen könnte. Gott sei Dank ist es irgendwie abgeschaltet. Man stelle sich vor, was in den Fußballstadien los wäre, wenn alle 22 Spieler einen meterlangen Rückenschwanz hätten, auf den der Gegner nur treten müsste, um den rasantesten Sturmlauf zu beenden.

Die Maus, mag man es ihr auch nicht ansehen, ist eine enge Verwandte des Menschen. (Ist sie auch mit Olli Kahn verwandt, Papa? – Auch mit Olli Kahn, mein Junge.) Für die Maus ist das ausgesprochen traurig. Die Tatsache, dass sie die gleichen Dinge isst wie wir, in Familien lebt, gern in Häusern wohnt, an Krebs sterben kann – all das hat dazu geführt, dass die meisten Mäuse in Laboren ihr Dasein fristen, nicht in einer Scheune oder in einem Mauerloch. Die Maus ist das Forschungstier par excellence. In riesigen Mausmutantenfabriken werden Abertausende von Mäusen erzeugt, Menschen-Stellvertreter, an denen man experimentiert, um uns vor Krankheit zu schützen.

„Die Maus“, sagen die Wissenschaftler, die ihr Genom entschlüsselten, „liefert uns eine einzigartige Lupe, durch die wir uns selbst betrachten können.“ Blöd gelaufen für die Mäuse. Wir sind ja froh, dass nicht wir – mit allen erdenklichen Krankheiten versehen – in Käfigen sitzen und von Riesenmäusen in weißen Kitteln untersucht werden. So wie jetzt ist es besser. Aber richtig schön ist es auch nicht, wenn man drüber nachdenkt. Vor Jahrhunderten stellten sich die Menschen vor, die Maus sei ein Seelentier, weil sie im Inneren der Erde lebe, dem Wohnsitz der Toten. Wer eine Maus vor einer Katze rettete, dem war langes Leben beschieden, glaubte man. Umgekehrt brachte die Tötung von Mäusen Unglück, denn ein Mäusemörder hatte eine Seele getötet.

Daher stammt übrigens der Ausdruck „mausetot“. Nebenbei: Es gibt alte Sagen von großen Mäuseheeren, die sich an den Menschen rächen wollen, sie verfolgen und … Ah, ich muss aufhören. Schönen Sonntag noch.

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